Macht auf die Tür, das Tor macht weit – das Tor des Bewusstseins (Thalamus) öffnet seine Türen – plötzlich ist die Migräne da

Stellen sie sich vor, sie sitzen im Garten und über ihnen fliegt eine Staffel von 50 Düsenjägern. Neben ihnen sitzt ein Bekannter, der sich ebenfalls fürchterlich durch den Lärm erschreckt.

Bei Ankunft des 50ten Düsenjägers hat ihr Bekannter sich dem Lärm bereits angepasst und hört diesen Flieger schon etwas leiser.

Sein Gehirn hat die Filtersysteme im Tor des Bewusstseins eingesetzt und die Türen wegen des Lärms geschlossen.

Sie selbst, der sie an Migräne leiden, besitzen keine derartigen Filtersysteme, ihre Türen bleiben geöffnet und sie reißen sogar noch die Fenster auf.

Somit nehmen sie den 50ten Flieger noch erheblich lauter wahr als den ersten.

Diese Tatsache schädigt ihr Nervensystem, das Gehirn reagiert mit Migräne, entsprechend dem  Beispiel mit den Düsenjägern ergeht es ihnen mit allen äußeren Reizfaktoren auf allen Ebenen.

Lärm, Licht, Gerüche, Emotionen, Zeitdruck, Unbequemlichkeiten, zu viel oder zu wenig Schlaf, sowie vieles mehr, können eine  Migräneattacke auslösen. Oftmals ist es jedoch nur das Staubkorn auf dem Boden oder die Fliege an der Wand oder etwas Unerkanntes, was dieses Feuerwerk im Gehirn entzünden kann.

 

Ausführliche Anmerkungen zur Behandlung dieser schwerwiegenden und für die Betroffenen ernsthaften Erkrankung können sie  im folgenden Artikel von Herrn Prof. Hans-Christoph Diener erfahren.

 

„Zitat“

Therapie der Migräne

Entwicklungsstufe: S1
Stand: September 2012
Änderung am: 21.03.2013
Gültig bis: 2012
AWMF-Registriernummer: 030 – 057
Federführend
Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen
hans.diener@uni-duisburg-essen.de

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Clinical Pathway
COI-Erklärung

Inhaltsverzeichnis

Bitte beachten Sie folgende Änderung:

1.03.2013 – In der Leitline Therapie der Migräne findet sich in der Tabelle 55.6 „Substanzen zur Migräneprophylaxe mit geringer Evidenz“ eine Anmerkung mit *** zu der Kombination von Magnesium, Vitamin B2 und Koenzym Q10. Der Name dieses Medikaments in Deutschland ist nicht mehr Orthoexpert Migräne, sondern Migravent classic.Zudem wurde der Satz „Petadolex … die Substanz ist in Deutschland nicht mehr erhältlich“ umformuliert in „die Substanz Pestwurzextrakt ist in Deutschland und in Österreich nicht mehr als Arzneimittel erhältlich, jedoch als Nahrungszusatzstoff“.

Was gibt es Neues?

  • Bei chronischer Migräne mit oder ohne Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln sind Topiramat und OnabotulinumtoxinA wirksam.
  • Bei chronischer Migräne ist eine Kombinationstherapie aus Topiramat und Propranolol nicht wirksamer als eine Monotherapie mit Topiramat.
  • Valproinsäure ist in der Migräneprophylaxe bei Kindern und Jugendlichen nicht wirksam.
  • Der Verschluss eines offenen Foramen ovale bei Migräne mit Aura führt nicht zur Attackenfreiheit.
  • Die Durchtrennung des M. corrugator oder anderer perikranieller Muskeln zur Prophylaxe der Migräne ist nicht wissenschaftlich belegt und sollte daher in der Therapie der Migräne nicht eingesetzt werden.

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

Therapie der Migräneattacke

  • Die 5-HT1B/1DAgonisten (in alphabetischer Reihenfolge) Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan sind die Substanzen mit der besten Wirksamkeit bei akuten Migräneattacken.
  • Nichtopioidanalgetika und nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) sind bei der Behandlung der Migräne wirksam.
  • Ergotamin ist bei Migräne wirksam. Allerdings ist die Wirksamkeit in prospektiven Studien schlecht belegt.
  • Triptane sind Mutterkornalkaloiden bezüglich der Wirksamkeit überlegen.
  • Die Kombination eines Triptans mit einem NSAR ist der jeweiligen Monotherapie überlegen.
  • Antiemetika sind wirksam zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen.
  • Die Wirksamkeit nicht medikamentöser Verfahren wurde in der Attackentherapie in kontrollierten Studien kaum untersucht.

Prophylaxe der Migräne

  • Bei häufigen Migräneattacken bzw. Migräneattacken mit ausgeprägten Beschwerden oder anhaltenden neurologischen Ausfällen sollte eine Migräneprophylaxe begonnen werden.
  • Migräneprophylaktika der ersten Wahl sind die Betablocker Metoprolol und Propranolol, der Kalziumantagonist Flunarizin und die Antikonvulsiva Topiramat und Valproinsäure.
  • Migräneprophylaktika der zweiten Wahl sind der Betablocker Bisoprolol, das Trizyklikum Amitriptylin, Na­proxen, Acetylsalicylsäure
  • Bei chronischer Migräne mit oder ohne Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln sind Topiramat und OnabotulinumtoxinA wirksam.
  • Die medikamentöse Therapie soll durch nicht medikamentöse Verfahren der Verhaltenstherapie (z.B. Entspannungsverfahren) ergänzt werden. Alternativ zur medikamentösen Therapie kann auch eine Verhaltenstherapie als Prophylaxe durchgeführt werden.
  • Regelmäßiger aerober Ausdauersport wird empfohlen.
  • Bei Patienten mit einer hochfrequenten Migräne sowie erheblicher Einschränkung der Lebensqualität sollten Verfahren der psychologischen Schmerztherapie (Schmerzbewältigung, Stressmanagement, Entspannungsverfahren) eingesetzt werden.

Einführung

Migräne ist eine sehr häufige Erkrankung. Daher sind Leitlinien für die Behandlung von Migräneattacken sowie die medikamentöse und nicht medikamentöse Prophylaxe der Migräne von großer praktischer Bedeutung.

Ziel dieser Leitlinie ist eine Optimierung der Behandlung akuter Migräneattacken und der medikamentösen und nichtmedikamentösen Prophylaxe der Migräne. Die Leitlinie ist evidenzbasiert und eine Fortentwicklung der folgenden Leitlinien und Empfehlungen:

  • Leitlinie der DGN und der DMKG 2008 (Diener et al. 2008)
  • Empfehlungen der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (3. Auflage 2001)
  • EFNS Guideline (Evers et al. 2009)
  • Report of the Quality Standards Subcommittee of the American Academy of Neurology and the American Headache Society 2012 (Holland et al. 2012, Silberstein et al. 2012)

Definition

Bei der Migräne kommt es attackenweise zu heftigen, häufig einseitigen pulsierend-pochenden Kopfschmerzen, die bei körperlicher Betätigung an Intensität zunehmen (Olesen et al. 2004a). Bei einem Drittel der Patienten bestehen holokranielle Kopfschmerzen. Die einzelnen Attacken sind begleitet von Appetitlosigkeit (fast immer), Übelkeit (80 %), Erbrechen (40–50 %), Lichtscheu (60 %), Lärmempfindlichkeit (50 %) und Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Gerüchen (10 %). Wenn die Kopfschmerzen einseitig sind, können sie innerhalb einer Attacke oder von Attacke zu Attacke die Seite wechseln. Die Intensität der Attacken kann von Attacke zu Attacke stark variieren. Die Dauer der Attacken beträgt nach der Definition der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft zwischen 4 und 72 Stunden. Bei Kindern sind die Attacken kürzer und können auch ohne Kopfschmerzen nur mit heftiger Übelkeit, Erbrechen und Schwindel einhergehen (Maytal et al. 1997).

Epidemiologie

Migräne ist eine der häufigsten Kopfschmerzformen. Die Prävalenz der Migräne liegt zwischen 10 und 15 % (Lipton et al. 2007, Stovner et al. 2007, Pfaffenrath et al. 2009, Yoon et al. 2012). Vor der Pubertät beträgt die Häufigkeit der Migräne 4–5 %. Jungen und Mädchen sind gleich häufig betroffen. Die höchste Inzidenz der Migräneattacken besteht zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr. In dieser Lebensphase sind Frauen dreimal häufiger betroffen als Männer.

Diagnostik

Die Diagnose stützt sich auf die typische Anamnese und einen unauffälligen neurologischen Untersuchungsbefund (Einzelheiten siehe Leitlinie „Diagnostik und apparative Zusatzuntersuchungen bei Kopfschmerzen“). Zusatzdiagnostik und insbesondere eine Bildgebung sind notwendig bei Kopfschmerzen mit ungewöhnlicher Klinik (z.B. Ausschluss einer Subarachnoidalblutung) und bei Kopfschmerzen mit persistierenden neurologischen oder psychopathologischen Auffälligkeiten (Quality Standards Subcommittee of the American Academy of Neurology 1994).

Medikamentöse Akuttherapie

5-HT1B/1D-Agonisten (Triptane)

Empfehlungen

Die Serotonin-5-HT1B/1D-Rezeptoragonisten (sog. Triptane) Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan sind die Therapie erster Wahl bei mittelschweren und schweren Migräneattacken, die nicht oder nicht ausreichend auf eine Therapie mit Analgetika oder nicht steroidalen Antirheumatika ansprechen. Bei wiederkehrenden Kopfschmerzen nach initialer Wirksamkeit eines Triptans kann eine zweite Dosis eines Triptans nach frühestens 6 Stunden gegeben ­werden.

Triptane sind spezifische Migränemedikamente, die beim Kopfschmerz vom Spannungstyp normalerweise unwirksam sind. Allerdings ist die Wirksamkeit von Triptanen nicht zur Diagnosestellung geeignet, da Triptane auch bei Migräne unwirksam und bei Sonderformen des Kopfschmerzes vom Spannungstyp wirksam sein können (Cady et al. 1997, Lipton et al. 2000b, Miner et al. 2007).

Alle Triptane haben ihre Wirkung in großen placebokontrollierten Studien belegt. Alle bis zum Jahr 2000 in klinischen Studien erhobenen Daten zur Wirksamkeit der oralen Triptane sind (bis auf die für Frovatriptan) in einer großen Metaanalyse zusammengefasst worden, sodass diese Studien hier nicht im Einzelnen referiert werden (Ferrari et al. 2001, Goadsby et al. 2002). Für Frovatriptan sind die in der vorgenannten Metaanalyse nicht berücksichtigten Studien Grundlage der Empfehlung (Rapoport et al. 2002, Ryan et al. 2002, Cady et al. 2004, Moon et al. 2010). Für die verschiedenen nicht oralen Applikationsformen von Sumatriptan liegen Cochrane-Analysen vor, die ebenfalls eine Wirksamkeit zeigen (Derry et al. 2012a, Derry et al. 21012b, Derry et al. 2012c, Derry et al. 2012d). Auch nasales Zolmitriptan ist in seiner Wirkung durch placebokontrollierte Studien belegt (Charlesworth et al. 2003, Dodick et al. 2005, Gawel et al. 2005).

Bei lange dauernden Migräneattacken kann nach Ende der erfolgreichen pharmakologischen Wirkung eines Migränemedikaments der Migränekopfschmerz wieder auftreten (sog. „headache recurrence“ oder Wiederkehrkopfschmerz). Recurrence wird definiert als eine Verschlechterung der Kopfschmerzintensität von Kopfschmerzfreiheit oder leichtem Kopfschmerz auf mittelschwere oder schwere Kopfschmerzen in einem Zeitraum von 2–24 Stunden nach der ersten wirksamen Medikamenteneinnahme (Ferrari 1999). Dieses Problem ist bei den Triptanen häufiger als bei Ergotamintartrat oder bei ASS. So kommt es bei 15–40 % der Patienten nach oraler Gabe von Triptanen zu einer Recurrence, wobei dann eine zweite Gabe der Substanz wieder wirksam ist (Ferrari et al. 1994). Triptane mit einer längeren Halbwertszeit haben tendenziell etwas geringere Recurrence-Raten als solche mit kurzer Halbwertszeit (Geraud et al. 2003). Ist die erste Gabe eines Triptans unwirksam, ist es in der Regel sinnlos, in derselben Migräneattacke eine zweite Dosis zu applizieren, es sei denn die erste Dosis wurde erbrochen.

Eine Übersicht über die in Deutschland verfügbaren Triptane gibt ▶ Tab. 55.1.

Vergleich der Triptane

Die kürzeste Zeit bis zum Wirkungseintritt besteht für die subkutane Gabe von Sumatriptan (10 Minuten) (Tfelt-Hansen 1993). Orales Sumatriptan, Almotriptan und Zolmitriptan wirken nach 45–60 Minuten (Ferrari et al. 2001). Rizatriptan und Eletriptan oral sind am raschesten wirksam (nach 30 Minuten). Ist eine erste Dosis von Eletriptan 40 mg nicht wirksam, können auch 2 × 40 mg gegeben werden. Naratriptan und Frovatriptan benötigen bis zu 4 Stunden bis zum Wirkungseintritt (Mathew 1999, McDavis et al. 1999). Zolmitriptan 5 mg als Nasenspray hat einen rascheren Wirkungseintritt als orales Zolmitriptan 2,5 mg (Charlesworth et al. 2003). Sumatriptan steht als Tablette mit raschem Zerfall im Magen-Darm-Trakt zur Verfügung (Dahlöf et al. 2004, Sheftell et al. 2005). Ob ein rascherer Wirkungseintritt als bei der normalen Tablette erfolgt, ist nicht bekannt.

Die Besserung der Kopfschmerzen nach 2 Stunden, der wichtigste Parameter klinischer Studien für die Wirksamkeit von Migränemedikamenten, ist am höchsten bei der subkutanen Applikation von Sumatriptan (70–80 %) (The Subcutaneous Sumatriptan International Study Group 1991). Sumatriptan-Nasenspray und Sumatriptan-Suppositorien sind ebenso wirksam wie Sumatriptan-Tabletten (Becker et al. 1995, Ryan et al. 1997, Tepper et al. 1998). 25 mg Sumatriptan oral sind weniger wirksam als 50 mg und 100 mg (ca. 50–60 %), weisen dafür aber auch weniger Nebenwirkungen auf. Naratriptan und Frovatriptan (je 2,5 mg) sind für die Besserung der Kopfschmerzen nach 2 Stunden weniger wirksam als Sumatriptan und Rizatriptan (Tfelt-Hansen 2011), zeigen aber auch weniger Nebenwirkungen und eine etwas geringere Rate an Recurrence. Der Wirkungseintritt von Naratriptan und Frovatriptan ist im Vergleich zu den anderen Triptanen wahrscheinlich verzögert, obwohl in manchen Studien kein Unterschied zwischen Frovatriptan und anderen Triptanen nachgewiesen werden konnte (Cortelli et al. 2011). Nach 4 Stunden ist die Wirksamkeit mit der von Sumatriptan vergleichbar. Im mittleren Wirkungsbereich liegen Zolmitriptan 2,5–5 mg und Almotriptan 12,5 mg. Rizatriptan 10 mg ist etwas wirksamer als 100 mg Sumatriptan (Goldstein et al. 1998, Tfelt-Hansen et al. 1998, Tfelt-Hansen u. Ryan 2000) und als Almotriptan 12,5 mg (Ng-Mak et al. 2009). Eletriptan ist in einer Dosierung von 2 × 40 mg das effektivste orale Triptan, hat aber auch die meisten Nebenwirkungen (Diener 2005).

Die Häufigkeit der Recurrence liegt bei den verschiedenen Triptanen zwischen 15 und 40 %. Bei der menstruellen Migräne zeigte Frovatriptan eine geringere Recurrence-Rate als Rizatriptan bei gleicher Wirksamkeit nach 2 Stunden (Savi et al. 2011). Ist ein bestimmtes Triptan bei 3 konsekutiv behandelten Attacken nicht wirksam, kann dennoch ein anderes Triptan wirksam sein (Stark et al. 2000, Diener et al. 2005a, Goldstein et al. 2006b, Seeburger et al. 2010).

Vergleich der Triptane mit anderen ­Medikamenten zur Behandlung akuter ­Migräneattacken

Empfehlungen

Triptane sind für den Endpunkt „schmerzfrei nach 2 Stunden“ wirksamer als Analgetika oder NSAR.

In Vergleichsstudien zwischen Triptanen und NSAR inklusive ASS haben sich für den primären Endpunkt folgende Ergebnisse gezeigt:

  • 50 mg Sumatriptan waren wirksamer als 1000 mg ASS, aber nicht als 400 mg Ibuprofen (Diener et al. 2004b).
  • Die Kombination von ASS, Paracetamol und Coffein war wirksamer als Sumatriptan (Goldstein et al. 2005).
  • Die Kombination von 900 mg ASS und Metoclopramid war vergleichbar mit 100 mg Sumatriptan (Tfelt-Hansen et al. 1995).
  • 100 mg Diclofenac waren vergleichbar mit 100 mg Sumatriptan (The Diclofenac-K/Sumatriptan Migraine Study Group 1999).
  • Rizatriptan 10 mg war Ibuprofen 400 mg überlegen (Misra et al. 2007).

Für die anderen Triptane liegen keine Vergleichsstudien vor. Bei ca. 60 % aller Nonresponder für NSAR sind allerdings Triptane wirksam (Diamond et al. 2004). Sumatriptan 6 mg s.c. war geringgradig besser wirksam als 1000 mg ASS i.v., hatte aber mehr Nebenwirkungen (Diener et al. 1999b).

Bei den ergotaminhaltigen Präparaten war in Vergleichsstudien Ergotamintartrat weniger wirksam als Sumatriptan (The Multinational Oral Sumatriptan Cafergot Comparative Study Group 1991), Rizatriptan (Christie et al. 2002), Eletriptan (Diener et al. 2002) und Almotriptan (Lainez et al. 2007b).

Kombinationen

Empfehlungen

Die initiale Kombination eines Triptans mit einem lang wirkenden NSAR wirkt besser als die einzelnen Komponenten und kann das Wiederauftreten der Migräneattacke zum Teil verhindern.

Dies ist am besten untersucht für die Kombination von Sumatriptan und Naproxen (Brandes et al. 2007, Lipton et al. 2009b). Alternativ kann das NSAR auch zeitlich verzögert gegeben werden, hierzu liegen jedoch keine placebokontrollierten Studien vor. Die Kombination von Rizatriptan und Paracetamol war hingegen nicht signifikant wirksamer als Rizatriptan alleine (Freitag et al. 2008a). Die Gabe von Metoclopramid bessert nicht nur die vegetativen Begleitsymptome, sondern führt auch zu einer besseren Resorption und Wirkung von Sumatriptan (Schulman u. Dermott 2003).

Zeitpunkt der Einnahme der Triptane

Empfehlungen

Triptane wirken besser, wenn sie früh in der Migräneattacke eingenommen werden oder wenn der Kopfschmerz noch leicht ist.

Triptane können zu jedem Zeitpunkt innerhalb der Attacke wirken, das heißt, sie müssen nicht notwendigerweise unmittelbar zu Beginn der Schmerzphase eingenommen werden. Triptane wirken umso besser, je früher sie in einer Migräneattacke eingenommen werden (Burstein et al. 2004, Cady et al. 2004, Dowson et al. 2004, Freitag et al. 2008b, Goadsby et al. 2008, Cady et al. 2009, Lanteri-Minet et al. 2010). Ob Triptane eine schlechtere Wirksamkeit entfalten, wenn sie erst nach Einsetzen einer Allodynie eingenommen werden, ist nicht eindeutig geklärt (Burstein et al. 2004, Linde et al. 2006). Um der Entwicklung eines Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch vorzubeugen, sollte eine frühe Einnahme nur empfohlen werden, wenn die Attacken nicht zu häufig sind (< 10 Kopfschmerztage pro Monat) und wenn der Patient eindeutig seinen Kopfschmerz als Migräneattacke identifizieren kann. Bei Triptanübergebrauch kann die Attackenfrequenz in ca. 20 % der Fälle initial zunehmen.

Nebenwirkungen der Triptane

Lebensbedrohliche Nebenwirkungen (Myokardinfarkt, schwere Herzrhythmusstörungen, Schlaganfall) sind extrem selten und wurden bei der Applikation von Sumatriptan in einer Häufigkeit von 1:1.000.000 beobachtet (Welch et al. 2000). Bei fast allen betroffenen Patienten lagen entweder eindeutige Kontraindikationen vor (z.B. vorbestehende koronare Herzkrankheit) oder die Diagnose Migräne war falsch. Für die anderen Triptane gibt es keine publizierten Daten. Da der Wirkungsmechanismus der verschiedenen Triptane annähernd gleich ist, ist mit einer ähnlichen Inzidenz lebensbedrohlicher Nebenwirkungen zu rechnen (bezogen auf Nebenwirkungsmeldungen haben orale Applikationsformen ein geringeres Risiko als die subkutane Gabe). Aus Sicherheitsgründen sollten Patienten, die unter einer Migräne mit Aura leiden, ein Triptan erst nach Abklingen der Aura und mit Einsetzen der Kopfschmerzen applizieren. Darüber hinaus sind Triptane wahrscheinlich nicht wirksam, wenn sie während der Aura appliziert werden (Bates et al. 1994, Olesen et al. 2004b). Populationsbezogene Studien zeigen aber kein erhöhtes Risiko für vaskuläre Ereignisse bei der Anwendung von Triptanen verglichen mit Analgetika (Hall et al. 2004, Velentgas et al. 2004). In Deutschland sind Naratriptan und Almotriptan OTC ohne Rezept erhältlich. Für beide Substanzen gibt es nur sehr wenige Meldungen über schwerwiegende Nebenwirkungen.

Theoretisch können alle Antidepressiva, die die Wiederaufnahme von Serotonin hemmen, in Kombination mit einem Triptan ein serotonerges Syndrom auslösen. Rizatriptan und Sumatriptan werden vorwiegend über das MAO-A-System metabolisiert und können so in Kombination mit MAO-Hemmern und anderen serotonergen Antidepressiva zu verstärkten Wirkspiegeln und vermehrten Nebenwirkungen führen. Almotriptan und Zolmitriptan werden neben einer starken MAO-Komponente über andere Cytochrom-gebundene Systeme metabolisiert, sodass bei Polypharmazie hier weniger Komplikationen zu erwarten sind. Eletriptan, Naratriptan und Frovatriptan werden hingegen nicht in nennenswerter Weise über das MAO-System metabolisiert, sodass sie bei starker serotonerger Begleitmedikation bevorzugt werden sollten. Grundsätzlich sollte sich die Auswahl eines einzelnen Triptans auch nach der Begleitmedikation und nach der Metabolisierung richten. Serotonerge Syndrome sind jedoch nur in wenigen Einzelfällen beschrieben worden (Gardner u. Lynd 1998, Sclar et al. 2007, Gillmann 2010).

Mutterkornalkaloide ( Tab. 55.2)

Empfehlungen

Ergotamin ist bei Migräne wirksam. Allerdings ist die Wirksamkeit in prospektiven Studien schlecht belegt. Triptane sind Mutterkornalkaloiden bezüglich der Wirksamkeit überlegen.

Vor der Einführung der Triptane waren Ergotamine zur Behandlung der Migräne weit verbreitet. Im Vergleich zu Triptanen führen sie etwa doppelt so häufig zum Wiederkehrkopfschmerz und sind Triptanen in der Akuttherapie unterlegen (Diener et al. 2002). Problematisch ist bei Ergotaminen und Ergotaminderivaten die unzureichende und stark wechselnde Bioverfügbarkeit (bei oralen Ergotaminen < 1 %). Ergotamintartrat wird in der klinischen Praxis aufgrund des ungünstigen Nebenwirkungsprofils kaum mehr verwendet. Demgegenüber zeichnet sich Dihydroergotamin durch seine bessere Verträglichkeit aus.

Intravenös ist Dihydroergotamin sicher und effektiv in der Behandlung starker Migräneattacken. Intravenöses Dihydroergotamin kann zur Therapie der therapierefraktären Migräne eingesetzt werden, Übelkeit stellt hierbei die häufigste Nebenwirkung dar (Nagy et al. 2011). Im Tierversuch konnte Dihydroergotamin die neurovaskuläre Entzündung in den trigeminalen Nervenendigungen blockieren. Die intranasale Gabe von Dihydroergotamin zeigte eine Bioverfügbarkeit von 40 %, wobei diese Rate wahrscheinlich durch die oropharyngeale Resorption bedingt sein dürfte. Oral inhaliertes Dihydroergotamin (MAP0004) als neue Möglichkeit der Administration durch Verwendung eines speziellen Inhalators erlaubt eine verbesserte pulmonale systemische Absorption. In einer randomisierten Doppelblind-Phase-III-Studie zeigten sich in allen primären Endpunkten, ebenso wie in der prolongierten Schmerzfreiheit, bis 48 Stunden signifikante Werte (Aurora et al. 2011). Dihydroergotamin zur i. v. Injektion, als Nasenspray und MAP0004 sind in Deutschland nicht im Handel bzw. nicht zugelassen.

Antiemetika ( Tab. 55.3)

Empfehlungen

Antiemetika wie Metoclopramid oder Domperidon wirken bei der Behandlung von Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Migräneattacke. Metoclopramid hat eine geringe eigenständige Wirkung auf die Kopfschmerzen bei einer Migräneattacke.

Übelkeit und Erbrechen gehören zu den charakteristischen Begleitsymptomen der Migräne. Pharmakokinetische Untersuchungen zeigen, dass während Migräneattacken die Resorption von Analgetika wie Paracetamol (Tokola 1988) oder Acetylsalicylsäure (Volans 1975) verzögert ist. Als Ursache wird eine gestörte Magenperistaltik in der Migräneattacke angenommen (Aurora et al. 2006). Daraus leitet sich die Rationale für die Kombination von Analgetika bzw. Triptanen mit prokinetisch wirksamen Antiemetika ab: eine Wirkverstärkung über eine beschleunigte und möglicherweise auch verbesserte Resorption. Tatsächlich wurde diese Hypothese nur in wenigen, überwiegend kleinen Studien untersucht mit insgesamt ernüchternden Ergebnissen. Zumindest konnte jedoch für die Kombination von Acetylsalicylsäure und Metoclopramid eine bessere Wirkung auf die Migränebegleitphänomene Übelkeit und Erbrechen nachgewiesen werden. Bei i. v. Gabe scheint Metoclopramid darüber hinaus eine gewisse eigenständige analgetische Wirkung bei Migräne zu besitzen; Domperidon, in der Prodromalphase der Migräne eingenommen, verringerte in 2 Studien das Auftreten einer nachfolgenden Kopfschmerzphase der Migräne (Waelkens 1982, Waelkens 1984).

In einer randomisierten, offenen Studie war eine Kombination von 900 mg Acetylsalicylsäure mit Metoclopramid 10 mg oral (n = 7) wirksamer als Acetylsalicylsäure allein (n = 8) (Ross-Lee et al. 1982). 50 mg Sumatriptan plus Metoclopramid 10 mg oral waren in einer doppelblinden Cross-over-Studie (n = 16) wirksamer als Sumatriptan 50 mg allein (Schulman u. Dermott 2003). In einer umfangreicheren Untersuchung (n = 118 im Cross-over-Design) war eine lösliche Fixkombination aus 650 mg Acetylsalicylsäure und Metoclopramid 10 mg zwar Placebo, aber nicht Acetylsalicylsäure als Monotherapie hinsichtlich der Reduktion von Schmerzen überlegen (Tfelt-Hansen u. Olesen 1984). Ein ähnliches Ergebnis fand sich auch für Domperidon. In einer placebokontrollierten Studie im Cross-over Design (n = 46) war die Kombination von Paracetamol mit Domperidon hinsichtlich der Schmerzreduktion Paracetamol als Monotherapie nicht überlegen (MacGregor et al. 1993). Entsprechend kommt ein Cochrane Review aus dem Jahre 2010 zu dem Schluss, dass die Kombination mit 10 mg Metoclopramid oral zwar die Wirkung von Acetylsalicylsäure auf die Migränebegleitphänomene Übelkeit und Erbrechen substanziell verbessert, die zusätzliche Gabe von Metoclopramid jedoch keinen Unterschied macht, was den Schmerz betrifft (Kirthi et al. 2010).

Zur antimigränösen Wirksamkeit von Metoclopramid 10–20 mg i.v. wurden zahlreiche Fallserien oder Vergleichsstudien mit anderen Substanzen ohne Placebokontrolle durchgeführt, die durchweg zu positiven Ergebnissen kamen (Cameron et al. 1995, Friedman et al. 2005, Griffith et al. 2008, Friedman et al. 2011, Salazar et al. 2011). Placebokontrollierte Studien kamen jedoch zu durchaus widersprüchlichen Resultaten. In einer Studie (n = 50) war Metoclopramid 10 mg i. v. Placebo überlegen (Tek et al. 1990), in einer anderen Studie (n = 40) sowohl Placebo als auch Ibuprofen 600 mg oral (Ellis et al. 1993). Hingegen war Metoclopramid 10 mg i. v. in einer Vergleichsstudie (n = 70) gegen Prochlorperazin und Placebo letzterem ebenso wenig überlegen (Coppola et al. 1995) wie in einer Vergleichsstudie (n = 113) gegen Magnesiumsulfat und Placebo (Cete et al. 2005). Auch Metoclopramid 10 mg i. m. war in einem Vergleich gegen Prochlorperazin und Placebo (n = 86) nicht besser wirksam als Placebo (Jones et al. 1996). Dennoch kommt eine Metaanalyse aus dem Jahr 2004 insgesamt zu dem Schluss, dass Metoclopramid i. v. eine Therapieoption für die akute Migräneattacke in der Notfallsituation darstellt (Colman et al. 2004).

Einsatz von Domperidon in der ­Prodromalphase der Migräne

In einer kleinen doppelblinden, placebokontrollierten Studie im Cross-over-Design (n = 19) konnte gezeigt werden, dass durch die Einnahme von Domperidon 30 mg oral in der Prodromalphase einer Migräne das Auftreten von Migränekopfschmerzen im Vergleich zu Placebo deutlich verringert werden konnte (Waelkens 1982). Der gleiche Autor konnte diesen Effekt in einer späteren doppelblinden Cross-over-Studie ohne Placebokontrolle (n = 19) für Domperidon in den Dosierungen 20, 30 bzw. 40 mg oral reproduzieren (Waelkens 1984).

Analgetika

Empfehlungen

Analgetika und nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) sind bei der Behandlung von akuten Migräneattacken wirksam. Am besten belegt ist die Wirkung für Acetylsalicylsäure und Ibuprofen. Kombinationspräparate mit Zusatz von Coffein sind etwas wirksamer als Monosubstanzen. Opioide sollen in der Therapie akuter Migräneattacken nicht verwendet werden.

Etwa 80 % aller Patienten behandeln Kopfschmerzen mit (überwiegend verschreibungsfreien) Analgetika (Radtke u. Neuhauser 2009). ▶ Tab. 55.4 gibt einen Überblick über die aktuell empfohlenen Analgetika, NSAR und Coxibe zur Behandlung der akuten Migräneattacke. Bezüglich der Selbstmedikation von Analgetika bei Migräneattacken wird auf die Leitlinie und Metaanalyse von Haag et al. verwiesen (Haag et al. 2011).

 

In einem Cochrane Review wurden insgesamt 13 randomisierte, kontrollierte klinische Studien (RCTs) mit 900–1000 mg Acetylsalicylsäure (ASS) als Monotherapie oder in Kombination mit 10 mg Metoclopramid einbezogen (Kirthi et al. 2010). Die Autoren bewerten 1000 mg ASS als wirksame Behandlung für akute Migräneattacken, ähnlich der Wirkung von 50 oder 100 mg Sumatriptan. Für die Einzeldosis von 500 mg ASS liegt keine belastbare wissenschaftliche Evidenz für eine Wirksamkeit in der Behandlung der Migräne vor. Die Wirksamkeit der i.v. Formulierung von 1000 mg Lysin-Acetylsalicylat (Diener et al. 1999b) bzw. von 900 mg in Kombination mit 10 mg Metoclopramid (Chabriat et al. 1994) zur Behandlung schwerer Migräneattacken wurde in placebokontrollierten RCTs nachgewiesen.

In einem weiteren Cochrane Review wurden insgesamt 10 RCTs mit 1000 mg Paracetamol als Monotherapie oder in Kombination mit 10 mg Metoclopramid bewertet (Derry et al. 2010). Die Autoren bewerten 1000 mg Paracetamol als wirksame Behandlung für akute Migräneattacken, ähnlich der von 100 mg Sumatriptan. Für die Einzeldosis von 500 mg Paracetamol liegt keine belastbare wissenschaftliche Evidenz für eine Wirksamkeit in der Behandlung der Migräne vor. In einer kleineren RCT war 1000 mg Paracetamol i.v. einer Placebobehandlung nicht überlegen (Leinisch et al. 2005).

Zu den in RCTs bei der Migräne am besten untersuchten Medikamenten gehört die fixe Kombination aus 250 mg ASS, 200–250 mg Paracetamol und 50–65 mg Coffein (Diener et al. 2005b, Goldstein et al. 2005, Goldstein et al. 2006a, Lipton et al. 1998). Nachgewiesen sind ihre Wirksamkeit bei der Kopfschmerzlinderung und Verbesserung der Begleitsymptomatik (wie Lärm- und Lichtempfindlichkeit, Übelkeit und Erbrechen) sowie ihre überlegene Wirksamkeit gegenüber 400 mg Ibuprofen (Goldstein et al. 2006a) und gegenüber 50 mg Sumatriptan (Goldstein et al. 2005). In einer umfangreichen Vergleichsstudie mit überwiegend Migränepatienten zeigte sich die fixe Kombination zudem 1000 mg ASS, 1000 mg Paracetamol, einer Kombination aus 500 mg ASS und 400 mg Paracetamol sowie einer Monotherapie mit 100 mg Coffein überlegen (Diener et al. 2005b). Zwei Post-hoc-Analysen berichten von der Wirksamkeit der fixen Dreierkombination bei Patienten mit schweren Migräneattacken (Diener et al. 2011, Goldstein et al. 1999), eine auch bei Patientinnen mit menstruationsbedingter Migräne (Silberstein et al. 1999).

In ein weiteres Cochrane Review wurden insgesamt 9 RCTs mit 200 und 400 mg Ibuprofen als Monotherapie einbezogen (Rabbie et al. 2010). Die Autoren bewerten Ibuprofen als wirksam bei der Hälfte der Betroffenen, eine komplette Schmerzfreiheit sei allerdings nur bei einer Minderheit zu erreichen. Mit 400 mg Ibuprofen sei dabei eine bessere Schmerzlinderung zu erreichen als mit der 200 mg Dosierung (Rabbie et al. 2010). Auch bei Ibuprofen ist in der Migränetherapie eine sehr flache Dosis-Wirkungs-Kurve zu beobachten. In einer umfangreichen RCT war kein signifikanter Unterschied zwischen den Dosierungen von 200 mg, 400 mg und 600 mg Ibuprofen im primären Endpunkt Schmerzreduktion 2 Stunden nach Einnahme der Prüfmedikation festzustellen (Kellstein et al. 2000). Für die Dosierungen von 800 mg und 1200 mg Ibuprofen liegen lediglich ältere Studien vor (Havanka-Kanniainen 1989, Kloster et al. 1992), die den heutigen Anforderungen an eine RCT nicht mehr genügen. Für Ibuprofen-Lysinat, ein auch in der Selbstmedikation häufiger verwendeter Wirkstoff, liegt überraschenderweise keine Kopfschmerz- oder Migränestudie vor.

Auch für Ketoprofen ist die Datenlage sehr begrenzt. Für die peroralen Formulierungen von 50 mg, 100 mg und 200 mg liegt keine RCT vor. Für die i. m. Formulierung von 100 mg liegt nur eine ältere, sehr kleine Studie ohne Placebokontrolle vor (Karabetsos et al. 1997), für 25 mg Dexketoprofen p. o. nur eine offene, unkontrollierte Studie (Allais et al. 2000). Eine neuere RCT zeigt, dass eine im deutschsprachigen Raum nicht erhältliche „Dual-Release“-Formulierung mit 75 bzw. 150 mg Ketoprofen in der Akuttherapie der Migräne wirksam ist (Dib et al. 2002).

Für Metamizol (p.o.) 1000 mg liegt nur eine RCT ohne Placebokontrolle vor (Tulunay et al. 2004). Die i. v. Formulierung von 1000 mg Metamizol bewertet ein Cochrane Review auf Basis weniger klinischer Studien als wirksam bei Migräne und episodischem Kopfschmerz vom Spannungstyp (Ramacciotti et al. 2007).

Die Datenlage zu den aktuell im deutschsprachigen Raum verfügbaren selektiven COX-2-Hemmern Celecoxib, Etoricoxib und Parecoxib ist schlecht. Zur Therapie der akuten Migräneattacken mit diesen Coxiben wurden keine RCTs durchgeführt. Lediglich zu dem nicht verfügbaren Valdecoxib sowie dem wegen kardiovaskulärer Risiken vom Markt genommenen Rofecoxib gab es Studien (Misra et al. 2004, Silberstein et al. 2004a, Kudrow et al. 2005, Saper et al. 2006).

Zu Diclofenac-Natrium liegen für die Dosierung 100 mg widersprüchliche Ergebnisse vor, wobei eine ältere Studie Diclofenac-Natrium in Dosierungen von 50 und 100 mg als wirksam einstufte (Massiou et al. 1991). In einer neueren RCT waren 100 mg Diclofenac-Natrium nur in der Kombination mit 100 mg Coffein wirksam, nicht aber als Monotherapie (Peroutka et al. 2004). Für 75 mg Diclofenac-Natrium als i. m. Formulierung liegen lediglich eine offene (Engindeniz et al. 2005) und eine verblindete, aber nicht placebokontrollierte Studie vor (Del Bene et al. 1987). Zu Diclofenac-Kalium wurden für die Dosierungen 12,5 und 25 mg keine RCTs zur Migränebehandlung durchgeführt. In 2 RCTs erwies sich Diclofenac-Kalium in Dosierungen von 50 und 100 mg als wirksam (Dahlöf et al. 1993, The Diclofenac-K/Sumatriptan Migraine Study Group 1999), allerdings waren die 100 mg nur geringfügig wirksamer als die 50-mg-Dosierung, was für eine sehr flache Dosis-Wirkungs-Kurve in der Migränebehandlung spricht.

Für die verschreibungsfreien Dosierungen von 200–250 mg Naproxen liegen keine RCTs vor, sodass ein Wirkungsnachweis hierfür fehlt. Ein neuer, den Cochrane Reviews methodisch ähnlicher systematischer Review bewertet Naproxen (p. o.) in den Dosierungen von 500 mg und 825 mg als wirksam zur Behandlung akuter Migräneattacken (Suthisisang et al. 2010). Zum Vergleich gegenüber einer Placebobehandlung liegen allerdings nur 3 kleinere, ältere RCT vor (Johnson et al. 1985, Nestvold et al. 1985, Sargent et al. 1988), die den heutigen Anforderungen an eine RCT nicht mehr genügen.

In einer neueren RCT erwiesen sich 1000 mg Phenazon zur Behandlung einer akuten Migräneattacke als wirksam (Göbel et al. 2004).

Für folgende Wirkstoffe bzw. Wirkstoffkombinationen liegen keine RCTs zur Akuttherapie der Migräne vor: ASS + Vitamin C, ASS + Coffein, Aceclofenac, Acemetacin, Etoricoxib, Ibuprofen-Lysin, Indometacin, Meloxicam, Paracetamol + Coffein, Parecoxib, Piroxicam, Propyphenazon und Tiaprofensäure.

Andere Substanzen

Tramadol hat in der Kombination mit Paracetamol (Silberstein et al. 2005a) eine Wirksamkeit bei akuten Migräneattacken gezeigt. Opioide und Tranquilizer sollten dennoch nicht zur Behandlung der Migräneattacke eingesetzt werden. Opioide haben eine begrenzte Wirksamkeit, führen häufig zu Erbrechen, haben ein hohes Suchtpotenzial und führen relativ rasch zu einem Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch.

Behandlung von ­Migräneattacken bei Kindern

Empfehlungen

Migräneattacken bei Kindern werden mit Ibuprofen 10 mg/kg KG, Acetylsalicylsäure (500 mg) oder Paracetamol 15 mg/kg KG (2. Wahl) behandelt. Bei Paracetamol ist die Beachtung der kritischen kumulativen Dosierungen von besonderer Bedeutung. Bei Kindern wurde nach Behandlung der Migräne mit ASS bisher kein Reye-Syndrom beobachtet, dennoch wird der Einsatz von ASS bis zum 12. Lebensjahr nicht empfohlen. Wenn Antiemetika notwendig sind, sollte Domperidon und nicht Metoclopramid Verwendung finden.

Zur Behandlung der Migräne bei Jugendlichen ab dem 12. Lebensjahr kommt Sumatriptan als Nasenspray in Betracht. Kinder unter 12 Jahren scheinen schlechter als Heranwachsende von einer Therapie mit Triptanen zu profitieren. Die kritische Grenze der Wirksamkeit liegt individuell unterschiedlich zwischen dem 10. und 13. Lebensjahr.

Für die Behandlung der Migräne bei Kindern liegen eigenständige Leitlinien vor (Evers et al. 2008). Wenn Analgetika bei Kindern nicht wirksam sind, können auch Triptane eingesetzt werden. Kinder unter 12 Jahren scheinen allerdings schlechter als Heranwachsende von einer Therapie mit Triptanen zu profitieren. Orale Triptane, insbesondere Sumatriptan 50–100 mg, Rizatriptan 5 mg und Eletriptan 40 mg waren bei Kindern und Jugendlichen in früheren Studien nicht besser wirksam als Placebo (Hämäläinen et al. 1997, Evers 2007, Winner et al. 2007). Studien im Kindesalter leiden allerdings alle unter hohen Placebo-Ansprechraten (bis zu 50 %).

Studien mit Sumatriptan 5, 10 und 20 mg Nasenspray bei Jugendlichen ergaben eine statistische Überlegenheit gegenüber Placebo (Überall u. Wenzel 1999, Winner et al. 1999, Ahonen et al. 2004). In weiteren doppelblinden, placebokontrollierten Studien zeigte sich eine Wirksamkeit der Schmelztablette Zolmitriptan 2,5 mg bei Kindern und Jugendlichen (Evers et al. 2006), von Zolmitriptan-Nasenspray (5 mg) bei Jugendlichen (Lewis et al. 2007), von Almotriptan 12,5 mg bei Jugendlichen (Linder et al. 2008) und von Rizatriptan in einer Dosis zwischen 5 und 10 mg (Ahonen et al. 2006). Keinen Unterschied zu Placebo zeigte Eletriptan 40 mg bei Jugendlichen (Winner et al. 2007). In Deutschland ist derzeit ausschließlich Sumatriptan-Nasenspray in der Dosis von 10 mg zur Behandlung von Jugendlichen ab dem 12. Lebensjahr zugelassen. Ergotamintartrat und orale Triptane sind für das Kindesalter nicht zugelassen.

Behandlung von ­Migräneattacken als Notfall

Empfehlungen

Zur Behandlung für Migräneattacken als Notfall besteht die beste Evidenz für die intravenöse Gabe von Acetylsalicylsäure und die subkutane Gabe von Sumatriptan.

Patienten, die einen Arzt zur Behandlung ihrer Migräneattacken rufen oder eine Notfallambulanz aufsuchen, haben zuvor meist orale Medikamente ohne Erfolg eingesetzt. Ärzte präferieren zudem eine schnell wirksame Applikationsform. Daher liegen für die Notfallbehandlung in erster Linie Studien zu parenteral applizierten Substanzen vor. Eingesetzt werden können: ASS, Metoclopramid (sowie andere Dopaminantagonisten), Metamizol, Triptane und Steroide, wobei im Folgenden nur in Deutschland erhältliche Präparate berücksichtigt werden.

Behandlungsform der ersten Wahl ist die intravenöse Gabe von 1000 mg ASS mit oder ohne Metoclopramid (Diener et al. 1999b). In einer Dosis von 10–40 mg wurde für i. v. verabreichtes Metoclopramid eine eigenständige analgetische Wirkung nachgewiesen (Colman et al. 2004, Friedman et al. 2005). Bestehen keine Kontraindikationen, kann auch Sumatriptan 6 mg subkutan gegeben werden. Sumatripan s.c. ist im Vergleich zu ASS i.v. etwas effektiver, führt jedoch zu signifikant mehr Nebenwirkungen. Hinsichtlich dem Auftreten von Wiederkehrkopfschmerzen unterscheiden sich die beiden Substanzen nicht (Diener et al. 1999b). Die intravenöse Gabe von 1000 mg Metamizol ist signifikant besser wirksam als Placebo, kann aber zu Blutdruckabfall und allergischen Reaktionen führen (Bigal et al. 2001, Bigal et al. 2002).

Die intravenöse Gabe von 1000 mg Paracetamol war in einer placebokontrollierten Studie bei akuten Migräneattacken nicht wirksam (Leinisch et al. 2005). Es gibt Hinweise, dass die intravenöse Gabe von Valproinsäure in einer Dosis von 300 mg oder 800 mg auch in der Behandlung akuter Migräneattacken wirksam ist (Lenaerts et al. 1996, Leniger et al. 2005). Valproinsäure ist zur Behandlung von Migräneattacken nicht zugelassen. Opioide können nicht zur Therapie der akuten Migräneattacke empfohlen werden. Sie sind anderen Akuttherapeutika nicht überlegen, haben ein höheres Nebenwirkungspotential und führen sehr häufig zu Recurrence (Elenbaas et al. 1991, Hoffert et al. 1995, Nicolodi u. Sicuteri 1996, Krusz et al. 2000, Drummond-Lewis u. Scher 2002, Engindeniz et al. 2005, Griffith et al. 2008).

Die Therapie eines Status migraenosus erfolgt nach Expertenkonsens durch die einmalige Gabe von 50–100 mg Prednison oder 10 mg Dexamethason. Die Studienlage dazu ist allerdings widersprüchlich. In placebokontrollierten Studien konnte bislang keine konsistente Evidenz für die Wirksamkeit von Steroiden bei akuten Attacken (Friedman et al. 2007) oder in der Verhinderung der Recurrence nachgewiesen werden (Baden u. Hunter 2006, Donaldson et al. 2008, Rowe et al. 2008, Fiesseler et al. 2011).

Behandlung von Migräne­attacken in der Schwangerschaft

In der Schwangerschaft können Migräneattacken mit Paracetamol oder zwischen dem 2. und 3. Trimenon mit Acetylsalicylsäure behandelt werden. Hinweise auf ein erhöhtes kindliches Asthmarisiko und das vermehrte Auftreten eines Hodenhochstands nach Einnahme von Paracetamol rechtfertigen aufgrund der Qualität der vorliegenden Daten nicht, die Verordnung von Paracetamol in der Schwangerschaft grundsätzlich abzulehnen. Triptane sind für die Schwangerschaft nicht zugelassen. Bislang gibt es allerdings keine klinischen Hinweise, dass Triptane zu Fehlbildungen oder anderen Komplikationen in der Schwangerschaft führen (Shuhaiber et al. 1998, Fox et al. 2002, Cunnington et al. 2009, Nezvalova-Henriksen et al. 2010). Für Sumatriptan liegt ein großes Schwangerschaftsregister vor, das keine erhöhe Komplikationsrate im ersten Trimenon berichtet (OʼQuinn et al. 1999, Loder 2003), ähnliche Ergebnisse zeigen auch die kleineren Register für Naratriptan und Rizatriptan (Fiore et al. 2005, Evans u. Lorber 2008).

Nicht medikamentöse Verfahren zur Akuttherapie der Migräne­attacke

Akupunktur

Es besteht eine geringe Evidenz, dass die traditionelle chinesische Akupunktur in der Behandlung der akuten Migräneattacke wirksam ist (Melchart et al. 1999). Zwei randomisierte Studien untersuchten den Effekt von Akupunktur auf den akuten Kopfschmerz bei einer Migräneattacke. Eine Studie in 2 deutschen Zentren für chinesische Medizin verglich die Wirksamkeit von Akupunktur mit Sumatriptan (6 mg s.c.) bzw. Placebo in der akuten Attacke. Akupunktur und Sumatriptan waren dabei etwa gleichwertig in der Prävention der Entwicklung zu einer ausgeprägten Attacke und Placebo signifikant überlegen. Sumatriptan war überlegen in der Behandlung einer schon schweren Migräneattacke (Melchart et al. 2003).

Migräneprophylaxe

Indikation zur medikamentösen ­Migräneprophylaxe

Die Indikation zu einer medikamentösen Prophylaxe der Migräne ergibt sich bei besonderem Leidensdruck und Einschränkung der Lebensqualität. Zusätzliche Kriterien (nicht evidenzbasiert) sind:

  • 3 und mehr Migräneattacken pro Monat, die die Lebensqualität beeinträchtigen
  • Migräneattacken, die regelmäßig länger als 72 Stunden anhalten
  • Attacken, die auf eine Therapie entsprechend den oben gegebenen Empfehlungen zur Akuttherapie (inkl. Triptanen) nicht ansprechen
  • Patienten, bei denen Kontraindikationen für die Einnahme von Triptanen bestehen und/oder
  • wenn Nebenwirkungen der Akuttherapie nicht toleriert werden
  • bei Zunahme der Attackenfrequenz und Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln an mehr als 10 Tagen im Monat
  • bei komplizierten Migräneattacken mit beeinträchtigenden (z.B. hemiplegischen) und/oder lang anhaltenden Auren
  • Zustand nach migränösem Infarkt bei Ausschluss anderer Infarktursachen

Sinn der medikamentösen Prophylaxe ist eine Reduzierung von Häufigkeit, Schwere und Dauer der Migräneattacken und die Prophylaxe des Kopfschmerzes bei Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln. Von einer Wirksamkeit einer Migräneprophylaxe spricht man bei einer Reduktion der Anfallshäufigkeit von mindestens 50 %. Zunächst soll der Patient über 3 Monate einen Kopfschmerzkalender führen, um die Anfallsfrequenz und den Erfolg oder Misserfolg der jeweiligen Attackenmedikation zu dokumentieren.

Substanzen zur Migräneprophylaxe

Mittel der ersten Wahl

Empfehlungen

Mittel der ersten Wahl sind die Betablocker Propranolol und Metoprolol, der Kalziumantagonist Flunarizin sowie die Antikonvulsiva Valproinsäure und Topiramat (▶ Tab. 55.5). Medikamente zur Migräneprophylaxe sollten einschleichend dosiert werden. Die Wirksamkeit, definiert als eine Reduktion der Migränetage um 30–50 %, kann ca. 2 Monate nach Erreichen der tolerierten Höchstdosis evaluiert werden. Botulinum-Toxin und Topiramat sind in der Prophylaxe der chronischen Migräne wirksam. Es gibt keine Evidenz, dass eine medikamentöse Kombinationstherapie einer Monotherapie überlegen ist.

Allen Substanzen ist gemeinsam, dass sie in der Migräneprophylaxe häufig bereits in niedrigeren Dosierungen wirksam sind als in ihrer Originalindikation. Soweit bisher untersucht, ist den Substanzen gemeinsam, dass sie die Empfindlichkeit von Zellen des Kortex, eine „cortical spreading depression“ auszubilden, reduzieren (Ayata et al. 2006).

Betablocker

Betablocker sind wirkungsvolle Substanzen zur Prophylaxe der Migräne. Die meisten Daten liegen zu Propranolol und Metoprolol mit jeweils mehr als 50 Studien vor. Auch Metaanalysen und Reviews bestätigen deren prophylaktische Wirkung (Holroyd et al. 1991, Silberstein u. Goadsby 2002, Linde u. Rossnagel 2004). In einer Dosierung von 160 mg wurde von Holroyd et al. für Propanolol eine durchschnittliche Reduktion der Migräneaktivität von ca. 44 % errechnet (Holroyd et al. 1991). In einer Cochrane-Analyse wurde in den placebokontrollierten Studien das relative Risiko, auf die Behandlung mit Propanolol anzusprechen, mit 1,94 (95 %-Konfidenz-Intervall 1,61–2,35) angegeben (Linde u. Rossnagel 2004). Tendenziell nehmen die Ansprechraten dosisabhängig zu, wobei Dosierungen zwischen 60 und 320 mg/d untersucht wurden. Allerdings war das Kriterium „Ansprechen auf die Behandlung“ in den Studien nicht einheitlich definiert, was die teilweise heterogenen Ergebnisse erklärt. Im Vergleich zu anderen Migräne-prophylaktischen Substanzen (andere Betablocker, Kalziumantagonisten, Amitriptylin) wurde kein signifikanter Unterschied der Wirkstärke ermittelt. Allerdings könnte dieses Ergebnis auch methodisch bedingt sein (kleine Fallzahlen).

Zu Metoprolol liegen keine Metaanalysen vor. Die Überlegenheit gegenüber Placebo ist für die 200-mg/d-Dosis in verschiedenen Studien belegt (Andersson et al. 1983, Kangasniemi et al. 1987, Steiner et al. 1988). Die Wirkstärke von Metoprolol ist mit der von Propranolol vergleichbar (Linde u. Rossnagel 2004). Im Vergleich mit Flunarizin unterscheidet sich die Wirkstärke ebenfalls nicht, allerdings kommt es unter der Einnahme von Flunarizin häufiger zu Nebenwirkungen (Depression, Gewichtszunahme) (Sorensen et al. 1991).

Die Evidenz für die prophylaktische Wirkung anderer Betablocker ist weniger gut gesichert. Bisoprolol war in einer Studie Placebo signifikant überlegen und in einer weiteren Studie gleich gut wirksam wie Metoprolol, und ist daher Mittel der zweiten Wahl (Wörz et al. 1992, van de Ven et al. 1997). Auch für Timolol (Briggs u. Millac 1979, Stellar et al. 1984, Tfelt-Hansen u. Olesen 1984) und Atenolol (Stensrud u. Sjaastad 1980, Forssman et al. 1983, Johannsson et al. 1987) liegen positive Studien vor, die allerdings älter und von geringerer Qualität sind, sodass diese Betablocker als Ausweichpräparate in Betracht kommen.

Acebutol (Nanda et al. 1978), Alprenolol (Ekbom 1975), Oxprenolol (Ekbom u. Zetterman 1977) und Pindolol (Sjastaad u. Stenrud 1972) sind in der Prophylaxe der Migräne nicht wirksam.

Flunarizin und Kalziumkanal-Blocker

Flunarizin ist der einzige Kalziumkanal-Blocker, der eine signifikante Wirkung in der Migräneprophylaxe zeigen konnte (Louis 1981, Manzoni et al. 1985, Baker 1987, Bono et al. 1985, Centonze et al. 1985, Soerensen et al. 1986, Diamond u. Freitag 1993, Gawel et al. 1993, Diener 1999a, Pfaffenrath et al. 1990). Flunarizin ist ein Kalziumantagonist aus der Klasse der „calcium overload blocker“ (Diener 2000). Andere „reine“ Kalziumkanal-Blocker wie Nifedipin (McArthur et al. 1989), Nimodipin (Migraine Nimodipine European Study Group [MINES] 1989) und Verapamil sind in der Migräneprophylaxe nicht wirksam.

Die empfohlene Dosis beträgt 10 mg zur Nacht. Allerdings sind 5 mg zumindest bei Frauen genauso wirksam (Diener 1999a). Flunarizin ist auch bei Kindern ausreichend untersucht (Lewis et al. 2004). Bei Kindern beträgt die Dosis 5 mg am Tag oder jeden 2. Tag.

Antikonvulsiva

Empfehlungen

Topiramat und Valproinsäure sind in der Prophylaxe der Migräne wirksam.

Die Wirkung von Topiramat konnte durch zahlreiche randomisierte Studien belegt werden (Brandes et al. 2004, Diener et al. 2004c, Silberstein et al. 2007). Die Dosierung sollte langsam einschleichend mit 2 × 12,5 oder 2 × 25 mg erfolgen und eine Zieldosis von 2 × 50 mg pro Tag angestrebt werden. Limitierend sind vor allem kognitive Nebenwirkungen, die fast ausschließlich in der Titrationsphase auftreten (Lainez et al. 2007a). Aus kleineren Studien und Subgruppenanalysen bestehen auch Hinweise für die Wirksamkeit bei Medikamentenübergebrauch und bei chronischer Migräne (Diener et al. 2007a, Diener et al. 2007b).

Valproinsäure konnte in mehreren Studien eine deutliche Reduktion der Attackenfrequenz, aber nicht der Intensität belegen (Klapper et al. 1997, Freitag et al. 2002). Bei Kindern und Jugendlichen ist Valproinsäure in der Migräneprophylaxe nicht wirksam (Apostol et al. 2009a, Apostol et al. 2009b).

Für Lamotrigin (Lampl et al. 2005) und Levetiracetam (Brighina et al. 2006) konnte in kleineren nicht placebokontrollierten Studien eine Reduktion der Häufigkeit von Migräneattacken bei Patienten mit Migräne mit Aura gezeigt werden. Lamotrigin ist in der Reduktion der Häufigkeit von Migräneattacken bei Patienten mit einer Migräne ohne Aura jedoch nicht wirksam (Steiner et al. 1997). In einer kürzlich publizierten Vergleichsstudie zeigte Zonisamid eine ähnlich gute Wirksamkeit wie Topiramat (Mohammadianinejad et al. 2011). Als weiteres Antikonvulsivum wurde bei Levitiracetam kürzlich eine Reduktion der Attackenfrequenz bei Patienten mit Aura in einer kleinen offenen Studie berichtet (Brighina et al. 2006).

Mittel der zweiten Wahl ( Tab. 55.6)

Antidepressiva

Empfehlungen

Amitriptylin ist in der Prophylaxe der Migräne wirksam. Seine Wirksamkeit unterscheidet sich nicht von der Wirkung von Topiramat. SSRIs sind in der Prophylaxe der Migräne nicht wirksam.

Amitriptylin ist in den USA Mittel der ersten Wahl, allerdings ist seine Wirkung nur in methodisch weniger guten älteren Arbeiten belegt (Couch et al. 1976, Couch u Hassanein 1979, Ziegler et al. 1987, Gomersall u. Stuart 1973, Ziegler et al. 1993, Lampl et al. 2009). Amitriptylin hat eine vergleichbare Wirksamkeit wie Topiramat (Dodick et al. 2009). Amitriptylin sollte bevorzugt zur Prophylaxe gegeben werden, wenn eine Kombination mit einem Spannungskopfschmerz oder chronischen Rückenschmerzen vorliegt, oder wenn – wie häufig bei chronischen Schmerzen – eine zusätzliche Depression besteht.

Venlafaxin ist ein Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, für den 2 kleinere kontrollierte positive Studie vorliegen (Bulut et al. 2004, Ozyalcin et al. 2005). Die Resultate für Gabapentin sind unterschiedlich bis widersprüchlich (Mathew et al. 2001, Mulleners u. Chronicle 2008). Oxcarbazepin ist unwirksam (Silberstein et al. 2008).

Analgetika und weitere Medikamente

Acetylsalicylsäure hat in einer niedrigen Dosis von 100–300 mg/d wahrscheinlich eine geringe migräneprophylaktische Wirkung (Buring et al. 1990, Diener et al. 2001). Naproxen war in Dosierungen von 2 × 500 mg besser wirksam als Placebo (Ziegler u. Ellis 1985). Limitierend sind hier die gastrointestinalen Nebenwirkungen bei Langzeitanwendung. Unklar ist, ob bei einer Monotherapie mit nicht steroidalen Antirheumatika die Gefahr eines Kopfschmerzes durch Übergebrauch besteht. Petadolex hat seine Wirksamkeit in 2 placebokontrollierten Studien belegt (Diener et al. 2004a; Lipton et al. 2004). In sehr seltenen Fällen kommt es zu schwerwiegenden Leberfunktionsstörungen. Die Substanz Pestwurzextrakt ist in Deutschland und Österreich nicht mehr als Arzneimittel erhältlich, jedoch als Nahrungszusatzstoff. Mutterkraut als CO2-Extrakt war ebenfalls in 2 Studien wirksam (Pfaffenrath et al. 2002, Diener et al. 2005). In dieser Form ist das Medikament allerdings in Deutschland kommerziell nicht erhältlich. Der Einsatz anderer Formen von Mutterkraut ist nicht untersucht und kann nicht empfohlen werden. In einer Dosis von 10 mmol/d wurde für Magnesium in Kopfschmerzzentren keine Wirksamkeit gezeigt (Pfaffenrath et al. 1996); die Dosis von 24 mmol/d war in einer Population wirksam, die in allgemeinärztlichen Praxen betreut wurde (Peikert et al. 1996). Wenn überhaupt wirksam, ist die Reduktion der Attackenfrequenz nicht sehr ausgeprägt oder die notwendigen Dosierungen werden wegen Diarrhöen nicht erreicht.

Weitere Substanzen

Die Serotonin-Antagonisten Pizotifen und Methysergid sind ebenfalls prophylaktisch wirksam, in Deutschland und Österreich aber nicht mehr erhältlich. Beide können über die Auslandsapotheke bezogen werden. Lisinopril und Telmisartan sind in kleinen placebokontrollierten Studien untersucht worden und zeigten eine signifikante Reduktion der Attackenfrequenz (Schrader et al. 2001, Diener et al. 2009). Ob Candesartan (Tronvik et al. 2002) wirksam ist, kann nach dem derzeitigen Stand der Studien nicht beurteilt werden. Ähnliches gilt für Olmesartan. Zu Lisinopril oder anderen ACE-Hemmern bzw. Sartanen fehlen große Dosis-Wirkungs-Studien. Von den Dopamin­agonisten ist möglicherweise Alpha-Dihydroergocryptin wirksam (Bussone et al. 1999).

Zu hochdosiertem Vitamin B2 (Tagesdosis 2 × 200 mg) liegen bisher nur kleinere placebokontrollierte Studien vor, die eine Wirksamkeit dieser Substanz nahelegen (Schoenen et al. 1997, Schoenen et al. 1998). Als Nebenwirkung wird dabei eine intensive Gelbfärbung des Urins beschrieben, darüber hinaus bestehen keine schwerwiegenden Nebenwirkungen oder Kontraindikationen. In Deutschland ist Vitamin B2 in gleicher Dosierung in Kombination mit 300 mg Magnesium als diätetisches Lebensmittel erhältlich (Migravent Classic). Allerdings liegen diesbezüglich keine prospektiven Daten zur Wirksamkeit vor.

Die Wirksamkeit von Coenzym Q10 (Tagesdosis 3 × 100 mg) wurde bisher in einer kleinen bizentrischen placebokontrollierten Studie positiv getestet (Sandor et al. 2005). Dagegen konnte einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie an Kindern und Heranwachsenden keine Überlegenheit von Coenzym Q10 gegenüber Placebo gezeigt werden (Slater et al. 2011). In Deutschland ist Coenzym Q in Kombination mit Magnesium und Vitamin B2 (Migravent) sowie kombiniert mit Omega-3-Fettsäuren sowie weiteren Beerenextrakten und Vitaminen (Migra 3) als diätetisches Lebensmittel erhältlich. Allerdings liegen diesbezüglich keine prospektiven Daten zur Wirksamkeit vor.

Botulinum-Toxin

Empfehlungen

OnabotolinumtoxinA ist nur in der Therapie der chronischen Migräne mit und ohne Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln wirksam. Botulinum-Toxin soll in dieser Indikation nur von in der Diagnose und Therapie chronischer Kopfschmerzen erfahrenen Neurologen eingesetzt werden.

Zum Einsatz von Botulinum-Toxin in der Prophylaxe der episodischen Migräne liegen mehrere Reviews und 2 Metaanalysen vor (Chilson u. Brown 2005, Shuhendler et al. 2009). In den beiden hier berücksichtigten Reviews (Evers et al. 2002, Petri et al. 2009) zum Einsatz von Botulinum-Toxin werden 3 randomisierte Studien aufgeführt, wovon 2 mit 48 bzw. 30 eingeschlossenen Patienten nicht ausreichend groß waren, in denen eine signifikante Überlegenheit von Botulinum-Toxin gegenüber Placebo beschrieben wurde. Dabei findet sich in der Arbeit von Silberstein eine Überlegenheit nur für die Dosierung mit 25 IE OnabotulinumtoxinA, nicht aber für die Dosierung 75 Units (Silberstein et al. 2000a). Dagegen finden sich 5 randomisierte Studien, zum Teil mit mehr als 400 eingeschlossenen Patienten, die jeweils keine Überlegenheit von Botulinum-Toxin im Vergleich zu Placebo berichten (Chilson u. Brown 2005, Gupta 2006, Shuhendler et al. 2009). In der Stellungnahme der American Academy of Neurology (Naumann et al. 2008) werden 2 randomisierte Studien als Klasse-I-Studien und 2 als Klasse-II-Studien eingeordnet und geschlussfolgert, dass Botulinum-Toxin wahrscheinlich in der Therapie der episodischen Migräne unwirksam ist.

In der 2009 publizierten Metaanalyse (Shuhendler et al. 2009) werden insgesamt 8 randomisierte und kontrollierte Studien, die bis Oktober 2007 publiziert worden sind, mit insgesamt 1601 Patienten eingeschlossen. Auch nach Berücksichtigung des großen Placeboeffektes in den Studien als auch der Stratifizierung für die verschiedenen Dosierungen findet sich kein signifikanter Effekt für den Einsatz von Botulinum-Toxin in der Prophylaxe der episodischen Migräne.

Zum Einsatz von Botulinum-Toxin in der Prophylaxe der chronischen Migräne liegen Metaanalysen noch nicht vor. In der Literatur finden sich mehrere Studien zu dem Einsatz von Botulinum-Toxin in der Prophylaxe der chronischen Migräne (Conway et al. 2005, Silberstein et al. 2005b, Diener et al. 2010, Aurora et al. 2011). Drei Arbeiten beziehen sich auf die großen Phase-III-Studien PREEMPT 1 und 2, in denen Botulinum-Toxin gegen Placebo getestet wurde (Aurora et al. 2010, Diener et al. 2010,; Dodick et al. 2010). Eine Studie berichtet über die Ergebnisse einer randomisierten, kontrollierten Studie bei Patienten mit 12–14 Kopfschmerztagen im Monat (Dodick et al. 2005) und weitere 3 Arbeiten vergleichen die Wirksamkeit von Botulinum-Toxin gegen eine aktive Vergleichssubstanz (Valproinsäure, Topiramat und Amitriptylin). In den beiden monozentrischen Studien fand sich sowohl für OnabotulinumtoxinA als auch die jeweilige Vergleichssubstanz (Amitriptylin bzw. Valproinsäure) eine signifikante Reduktion der Kopfschmerztage wie auch der Belastung durch Kopfschmerzen (Blumenfeld et al. 2008, Magalhaes et al. 2010). Ein ähnliches Ergebnis findet sich auch im Vergleich zu Topiramat (Cady et al. 2011). Allen 3 Studien ist gemeinsam, dass keine der Substanzen überlegen gegenüber der Vergleichssubstanz war und dass die eingeschlossen Patientenzahlen (n = 59–72) niedrig waren. In den insgesamt 3 Studien, in denen OnabotulinumtoxinA gegen Placebo getestet wurde, findet sich ein signifikanter Unterschied bezüglich des primären Studienendpunktes in einer Studie (Diener et al. 2010). Eine weitere Studie (Aurora et al. 2010) war bezüglich des primären Endpunktes negativ, bei signifikantem Unterschied für alle sekundären Endpunkte. Die gepoolte Analyse der Daten aus PREEMPT 1 und 2 (Dodick et al. 2010) war wiederum positiv für alle Endpunkte bis auf die Einnahme von Medikamenten zur Behandlung akuter Migräneattacken. Berücksichtigt werden muss jedoch, dass die Mehrzahl der Patienten in den Studien die Diagnosekriterien eines wahrscheinlichen Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch erfüllten und bei diesen Patienten die Abgrenzung zur chronischen Migräne schwierig ist. Insgesamt waren in diesen beiden randomisierten Studien insgesamt mehr als 1600 Patienten eingeschlossen worden. Die bisher publizierten Ergebnisse zum Einsatz von OnabotulinumtoxinA bestätigen, dass OnabotulinumtoxinA (150–200 Units) sehr wahrscheinlich wirksam in der Prophylaxe der chronischen Migräne ist. Nebenwirkungen wurden in der Verum-Gruppe bei 62,4 % und in der Placebo-Gruppe bei 51,7 % berichtet. Behandlungsbedingte Nebenwirkungen (Placebo) waren Nackenschmerzen bei 6,7 % (2,2 %), Muskelschwäche bei 5,5 % (0,3 %) und Ptose in 3,3 % (0,3 %). Generell waren die Nebenwirkungen mild und vorübergehend und 3,8 % (1,2 %) der Patienten beendeten wegen diesen Nebenwirkungen die Studienteilnahme.

Prophylaxe der Migräne-Aura

Lamotrigin ist in der Reduktion der Häufigkeit von Migräneattacken nicht wirksam (Steiner et al. 1997), reduziert aber möglicherweise die Häufigkeit von Migräneattacken mit Aura (Lampl et al. 2005). Flunarizin bewirkt sowohl eine Reduktion der Häufigkeit von Auren und Migräneattacken (D’Amato et al. 1996). In Einzelfällen ist auch Topiramat wirksam (Reuter et al. 2010).

Prophylaxe der menstruellen Migräne

Bei der menstruellen Migräne kann eine Prophylaxe mit 2 × 500 mg Naproxen 5 Tage vor und wahrend der Periode versucht werden (Sances et al. 1990). Triptane wie 2 × 1 mg Naratriptan, 2 × 25 mg Sumatriptan oder 1x bzw. 2 × 2,5 mg Frovatriptan über 5–6 Tage sind ebenfalls bei der menstruellen Migräne wirksam (off-label) (Newman et al. 1998, Silberstein et al. 2004, Brandes et al. 2009, MacGregor et al. 2009, Silberstein et al. 2009). Allerdings kann es zu einer Verschiebung des Zeitpunktes von Migräneattacken in einen Zeitraum außerhalb der Attacke kommen (Mannix et al. 2007). Eine Hormonsubstitution in der Pillenpause oder während der Menstruation ist nicht wirksam (MacGregor et al. 2006), da sie scheinbar die Attacken in die übrigen Zeiten des Zyklus verschiebt. Empirisch gibt es Hinweise darauf, dass die durchgehende Einnahme oraler Kontrazeptiva zu einem Rückgang menstrueller Migräneattacken führt.

Migräneprophylaxe bei Kindern

Für Kinder ist die Wirkung von Flunarizin (5 mg/d) gesichert (Damen et al. 2006). Topiramat ist in einer Dosis von 15–100 mg ebenfalls wirksam (Winner et al. 2005, Winner et al. 2006). Für Propranolol gibt es gewisse Hinweise auf eine Wirksamkeit. Valproinsäure ist bei Kindern und Jugendlichen nicht wirksam (Apostol et al. 2008).

Migräneprophylaxe in der Schwangerschaft

Kontrollierte Studien zu dieser Fragestellung liegen nicht vor. Etwa 50–80 % der Patientinnen berichten über eine Reduktion der Migräneattacken in der Schwangerschaft (Sances et al. 2003). Als vertretbare medikamentöse Prophylaxe in der Schwangerschaft gilt nur Metoprolol (Fox et al. 2005). Daneben können Magnesium, aber auch nicht medikamentöse Maßnahmen wie Entspannungsübungen, Biofeedback und Akupunktur eingesetzt werden.

Prophylaxe der Migräne und komorbider Störungen

Psychiatrische Komorbidität

Populationsbasierte Studien haben für Migränepatienten ein erhöhtes Risiko für eine Depression gezeigt (OR 2,0–5,8) (Merikangas 1991, Breslau et al. 1994, Merikangas u. Stevens 1997, Lipton et al. 2000a, Breslau et al. 2003, Scher et al. 2005, Oedegaard et al. 2006), wobei diese Assoziation für Migräne mit Aura am stärksten war (Breslau et al. 2000) und vor allem bei Frauen besteht (Oedegaard et al. 2006). Eine komorbide Depression ist ein Risikofaktor für die Chronifizierung der Migräne (Bigal u. Lipton 2006) und die Entwicklung eines Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerzes (Radat et al. 2005). Migränepatienten haben ein fast vierfach erhöhtes Risiko für eine generalisierte Angststörung (McWilliams et al. 2004) sowie ein deutlich erhöhtes Risiko für eine bipolare Störung (Fasmer 2001, Jette et al. 2008).

Für die Migräneprophylaxe bei Patienten mit einer Depression eignet sich besonders Amitriptylin wobei die Dosis dann im antidepressiv wirksamen Bereich liegen muss (75–150 mg). Für die Anwendung von Betablockern, Flunarizin und Topiramat besteht bei Vorliegen einer Depression eine relative Kontraindikation. Bei Patienten mit einer Angststörung können auch SSRIs mit anderen Medikamenten zur Migräneprophylaxe kombiniert werden. Alternativ können SSNRIs eingesetzt werden. Betablocker können bei Patienten mit Panikattacken die vegetativen Begleiterscheinungen der Attacken dämpfen.

Epilepsie

Migräne ist nur schwach mit einigen Formen der Epilepsie assoziiert (Ottmann u. Lipton 1994, Bigal et al. 2003, Leniger et al. 2003, Scher et al. 2005, Le et al. 2011). Bei Patienten mit beiden Erkrankungen werden Topiramat oder Valproinsäure zur Migräneprophylaxe empfohlen.

Vaskuläre Erkrankungen

Empfehlungen

Bei Patienten nach TIA oder Schlaganfall ist eine Prophylaxe mit Methysergid kontraindiziert. Es besteht keine Indikation zur Gabe von Acetylsalicylsäure bei Frauen, die unter einer Migräne mit Aura leiden und noch kein zerebrovaskuläres Ereignis erlitten haben. Frauen mit häufigen Migräneattacken mit Aura und vaskulären Risikofaktoren haben ein leicht erhöhtes Risiko für ischämische Insulte, zerebrale Blutungen und Myokardinfarkte. In diesen Fällen müssen die Risikofaktoren (Hypertonie, Rauchen) behandelt werden. Der Verschluss eines offenen Foramen ovale bei Migräne mit Aura führt nicht zur Attackenfreiheit.

Eine Vielzahl von epidemiologischen und Fall-Kontrollstudien zeigt einen Zusammenhang zwischen einer Migräne mit Aura bei Frauen und vaskulären Ereignissen (Kurth 2007, Kurth et al. 2007, Kurth et al. 2006, Kurth et al. 2008, Bigal et al. 2010). Daher sollten in dieser Konstellation vaskuläre Risikofaktoren behandelt werden. Östrogenhaltige Kontrazeptiva (Chang et al. 1999) sind allerdings nicht grundsätzlich kontraindiziert, vorausgesetzt dass die anderen Risikofaktoren kontrolliert sind. Patienten mit metabolischem Syndrom und Migräne sollten zur Prophylaxe nicht mit Betablockern, Valproinsäure oder Amitriptylin behandelt werden, da diese Substanzen zu einer erheblichen Gewichtszunahme führen können. Bei Migränepatienten mit Hypertonie werden Betablocker oder Sartane empfohlen. Kalziumantagonisten wie Nifedipin können eine bestehende Migräne verschlechtern.

Praktische Aspekte der medikamentösen Migräneprophylaxe

Die Wahl einer medikamentösen Prophylaxe orientiert sich an der wissenschaftlichen Evidenz und an den antizipierten Nebenwirkungen. Mit Ausnahme von Flunarizin sollten alle Medikamente zur Migräneprophylaxe langsam eingeschlichen werden. Der Therapieerfolg kann am besten mit Kopfschmerztagebüchern evaluiert werden. Kommt es innerhalb von 2 Monaten nach Erreichen der angestrebten oder tolerierten Enddosis nicht zu einer für den Patienten befriedigenden Besserung der Migräne, sollte auf eine andere Substanz umgestellt und die Einleitung nicht medikamentöser Maßnahmen erwogen werden. Eine erfolgreiche Migräneprophylaxe sollte nach 6–12 Monaten auf ihre Notwendigkeit überprüft werden (Diener et al. 2007a). Dies erfolgt durch Reduktion der Dosis und ggf. Absetzen der Medikation. Verschlechtert sich die Migräne wieder, kann ein weiterer Behandlungszyklus erfolgen. Patienten müssen umfassend über mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen aufgeklärt werden.

Unwirksame Medikamente zur Migräneprophylaxe

Eine große Vielzahl von weiteren Substanzen ist auf ihre Wirksamkeit in der Migräneprophylaxe hin untersucht worden. Häufig zeigten einzelne Substanzen in zunächst veröffentlichen Fallserien oder offenen Studien eine Wirksamkeit, die in nachfolgenden randomisierten, placebokontrollierten Studien jedoch nicht belegt werden konnte. Hierbei zeigte sich bei folgenden Substanzen in placebokontrollierten Studien keine Wirksamkeit: Acetazolamid, Carbamazepin, Clomipramin, Clonidin, Cyclandelat, Eslicarbazepin, Lanepitant, Lithium, Montelukast, Oxcarbazepin und selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer

Interventionelle Verfahren zur Migränetherapie

Der Verschluss eines offenen Foramen ovale führt bei Migräne mit Aura nicht zur Attackenfreiheit. Invasive Stimulationsverfahren zur Prophylaxe sollten im Moment nur im Rahmen von klinischen Studien zum Einsatz kommen. Die Durchtrennung des M. corrugator oder anderer perikranieller Muskeln zur Prophylaxe der Migräne ist nicht wissenschaftlich belegt und sollte daher in der Prophylaxe der Migräne nicht eingesetzt werden (Gaul et al. 2010).

Epidemiologische Daten lassen vermuten, dass bei Patienten mit Migräne insbesondere mit Aura häufiger ein offenes Foramen ovale (PFO) zu finden ist als in der Normalbevölkerung (Schwedt et al. 2008). Inwieweit zwischen der Migräne und dem PFO ein pathophysiologischer Zusammenhang besteht oder ob es sich hierbei nur um ein ontogenetisches Phänomen handelt, ist bisher ungeklärt. Zahlreiche offene Studien zeigten zum größten Teil therapeutische Effekte eines PFO-Verschlusses. Die prospektive randomisierte MIST-Studie (Migraine Intervention with STARFlex Technology) konnte die Effektivität dieses Verfahrens für den Endpunkt Freiheit von Migräneattacken nicht bestätigen (Dowson et al. 2008).

Neuromodulierende Verfahren zur Migränetherapie

Invasive Neurostimulation

Ein invasives neuromodulierendes Verfahren sollte in der Migränetherapie nur dann erwogen werden, wenn die Kriterien einer chronischen Migräne mit zusätzlicher Therapieresistenz erfüllt sind. Zudem sollten diese Verfahren nur innerhalb prospektiver Studien von etablierten interdisziplinären und spezialisierten Versorgungsstrukturen angewendet werden. Die postoperative Versorgung und die weiterführende Betreuung müssen sichergestellt sein. Vor invasiven Eingriffen sollte ein strukturierter Katalog von etablierten diagnostischen Maßnahmen inklusive einer psychiatrischen Evaluation abgearbeitet werden (Bartsch et al. 2009). Bei pathologischen Befunden sollte die Indikation für eine Intervention sehr kritisch geprüft werden.

Eine begrenzte Wirksamkeit der chronischen Stimulation des N. occiptalis major (ONS) bei chronischer Migräne mit oder ohne zusätzlichem Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch konnte in 2 kontrollierten Studien (PRISM, Lipton et al. 2009a; ONSTIM, Saper et al. 2011) und weiteren kleineren nicht kontrollierten Studien und Fallsammlungen gezeigt werden (Schwedt 2009). Aufgrund der allerdings nur eingeschränkten Studienqualität kann die ONS zur Therapie der Migräne derzeit nur bedingt und nur im Rahmen von Studien empfohlen werden. Seit 2011 hat ein Neurostimulator die Zulassung für die Stimulation des N. occipitalis major in der Indikation „chronische Migräne“.

Für andere invasive Stimulationsverfahren wie die hochzervikale Rückenmarksstimulation, die Stimulation des Ganglion sphenopalatinum und die kombinierte okzipitale und frontale (supra- oder infraorbitale) Nervenstimulation fehlen derzeit sowohl größere Studien als auch Langzeiterfahrungen, sodass der Einsatz dieser Verfahren zur Therapie der chronischen Migräne derzeit nicht empfohlen werden kann (Schoenen et al. 2010).

Nicht invasive Neurostimulation

Unter die nicht invasive Neurostimulation fallen Verfahren, die transkutan ohne Perforation der Haut verabreicht werden können, wie die transdermale Stimulation des N. vagus, die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS), die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) und die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS).

Durch Beeinflussung der kortikalen Erregbarkeit und damit der Aura durch TMS soll der anschließend auftretende Kopfschmerz unterbunden werden. Zwei Studien konnte eine gute Wirksamkeit von Einzelpuls-TMS in der Akuttherapie der Migräne mit Aura nachweisen (Clarke et al. 2006, Lipton et al. 2010). Methodische Mängel dieser Studien, insbesondere die Problematik einer Sham-Kontrolle, lassen allerdings derzeit keine eindeutige Aussage über die Wirksamkeit von TMS zur Akuttherapie der Migräne zu. Zudem wurde die Einzelpuls-TMS bislang nur bei Migränepatienten mit Aura nachgewiesen und betrifft somit nur einen Minderheit (etwa 10–30 %) aller Migränepatienten. Außerdem haben diese nicht zwangsläufig vor jeder Attacke eine obligate Aura. Ob die TMS auch bei Migräneattacken ohne Aura effektiv ist, ist unklar, da hier eine mögliche „stille CSD“ ohne Auraphänomene umstritten ist. Somit ist die Akutbehandlung mit Einzelpuls-TMS derzeit lediglich von wissenschaftlichem Interesse. Die Studien zur prophylaktischen Anwendung repetitiver TMS bieten derzeit nur schwache Evidenz für einen nachhaltigen Effekt dieser Methode (Brighina et al. 2004, Teepker et al. 2010). Eine Anwendung kann daher derzeit nicht empfohlen werden.

Zur tDCS sowie TENS liegt derzeit nur je eine kontrollierte Studie vor (Antal et al. 2011), die eine gewisse Wirksamkeit bei Migräne belegt, sodass deren Einsatz in der Migränetherapie derzeit kritisch gesehen werden muss.

Nicht medikamentöse Verfahren zur Migräneprophylaxe

Akupunktur

Empfehlungen

Akupunktur ist in der Prophylaxe der Migräne wirksam. Allerdings ist eine Scheinakupunktur genau so wirksam wie eine Akupunktur nach den Prinzipien der traditionellen chinesischen Medizin.

In einer systematischen Cochrane-Analyse konnten 22 randomisierte Studien mit einer minimalen Nachbeobachtungszeit von 8 Wochen eingeschlossen werden (Linde et al. 2009). In 6 Studien wurde dabei eine Akupunkturbehandlung (unter Berücksichtigung der Prinzipien aus der traditionellen chinesischen Medizin) mit der Routinebehandlung, in 14 weiteren Studien mit einer Scheinakupunktur und in 4 Studien mit einer etablierten medikamentösen Prophylaxe verglichen. Die Autoren der Cochrane-Analyse kommen zu folgenden Aussagen:

  1. Es besteht ausreichende Evidenz, dass Akupunktur einen zusätzlichen Nutzen in der Prophylaxe der episodischen Migräne erbringt.
  2. Weiterhin ergeben sich keine Hinweise, dass klassische Akupunktur einer Schein-Akupunktur überlegen ist.
  3. Bezüglich des Vergleiches von Entspannungsübungen und Akupunktur kann keine Aussage gemacht werden.

Studien zum Einsatz der Akupunktur bei Patienten mit chronischer Migräne stehen mit einer Ausnahme aus (Yang et al. 2011). Verglichen mit Topiramat (mittlere Erhaltungsdosis 84 mg/d) konnte eine signifikant höhere mittlere Reduktion der monatlichen Tage mit mäßigen bis schweren Kopfschmerzen (10,4 vs. 7,8) bei geringeren Nebenwirkungen (6 % vs. 66 %) nachgewiesen werden. Daneben wurden nur Studien mit dem Einschlusskriterium chronischer täglicher Kopfschmerz publiziert, bei denen aber neben chronischer Migräne auch chronischer Kopfschmerz vom Spannungstyp und wahrscheinlicher Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch eingeschlossen wurden, sodass eine Aussage allein über die chronische Migräne nicht gemacht werden kann (Vickers et al. 2004, Coeytaux et al. 2005).

In einer Übersichtsarbeit zu dem Effekt einer Scheinakupunktur (Akupunktur an nicht klassischen Akupunkturpunkten und/bzw. nur oberflächliche Nadelung ohne zusätzliche Stimulation) kamen die Autoren zu dem Schluss, dass der ausgeprägte unspezifische Effekt, der in der Scheinakupunktur-Untersuchungen zu beobachten ist, es schwierig macht, einen relativ kleinen spezifischen zusätzlichen Effekt bei der klassischen Akupunktur zu erkennen (Endres et al. 2007).

Homöopathie

Empfehlungen

Die Homöopathie ist in der Migräneprophylaxe nicht wirksam.

In randomisierten placebokontrollierten Studien fanden sich negative Ergebnisse (Walach et al. 1997, Whitmarsch et al. 1997, Ernst 1999, Walach et al. 2000).

Ausdauersport

Empfehlungen

Regelmäßiger aerober Ausdauersport kann nach den vorliegenden Daten empfohlen werden, der Wirksamkeitsbeweis steht jedoch weiter aus.

Regelmäßiger Ausdauersport wird zur Prophylaxe der Migräne häufig empfohlen und ist in den meisten multimodalen Therapieprogrammen für Kopfschmerzpatienten enthalten. Unklar ist, ob Ausdauersport eher unspezifische Effekte erzielt, also „ein alternatives Entspannungsverfahren“ darstellt, oder ob es tatsächlich spezifische Effekte sind, die durch eine Verbesserung der physischen Leistungsfähigkeit erreicht werden. Weitere Effekte könnten durch eine mit dem Sport erreichte Gewichtsreduktion erzielt werden, da Adipositas mit einer höheren Kopfschmerzfrequenz einherzugehen scheint. Diese Fragen sind von entscheidender Bedeutung, um Aussagen über die empfohlene Trainingsfrequenz, Trainingsdauer und Trainingsintensität zur Migräneprophylaxe machen zu können. Eine Übersicht über die bis 2008 publizierten Studien kam zum Schluss, dass es eine Reihe von Studien gibt, die für eine mögliche Effektivität von Sport in der Migräneprophylaxe sprechen, jedoch keine der Studien ausreichend groß ist, um tatsächlich statistisch den Beleg der Wirksamkeit zu erbringen (Busch u. Gaul 2008). Eine Pilotstudie zeigte positive Effekte von Ausdauersport auf die Migränehäufigkeit (Darabaneanu et al. 2011). Regelmäßiger Ausdauersport wurde in einer dreiarmigen Studie mit der Wirkung von Topiramat bis zur individuell tolerierten Höchstdosis sowie einem Entspannungstraining verglichen. Es zeigte sich keine signifikante Differenz zwischen den Therapiearmen, jedoch reduzierte sich die Zahl der Kopfschmerzattacken in allen 3 Armen nur um weniger als eine Attacke im Monat. Nebenwirkungen wurden nur aus dem Behandlungsarm mit Topiramat berichtet (Varkey et al. 2011).

Psychologische Therapie der Migräne

Empfehlungen

Die medikamentöse Therapie soll durch nicht medikamentöse Verfahren der Verhaltenstherapie (z.B. Entspannungsverfahren) ergänzt werden. Alternativ zur medikamentösen Therapie kann auch eine Verhaltenstherapie als Prophylaxe durchgeführt werden. Bei Patienten mit einer hochfrequenten Migräne sowie erheblicher Einschränkung der Lebensqualität sollten Verfahren der psychologischen Schmerztherapie (Schmerzbewältigung, Stressmanagement, Entspannungsverfahren) eingesetzt werden.

Migräne gilt heute nicht mehr als psychosomatische Erkrankung und auch das Modell einer Migränepersönlichkeit konnte in sorgfältig angelegten Studien nicht nachgewiesen werden. Dem heute gültigen multidimensionalen Ätiopathogenesemodell liegt die Annahme zugrunde, dass es genetische, psychosoziale, physiologische und biochemische Prädispositionen gibt, die sich in Verbindung mit einer dysfunktionalen habituellen Stressverarbeitung zu einer Migräne auswirken und deren lebensgeschichtlichen Verlauf beeinflussen können. Insbesondere scheint die einzelne Migräneattacke durch Zustandswechsel des Betroffenen ausgelöst werden zu können (z.B. Schlaf, Mahlzeiten, Anspannung) und ein „ausbalancierter Lebensstil“ einen positiven Effekt auf die Attackenfrequenz zu haben (Goadsby u. Sprenger 2010). Folgt man diesem Modell, dann ist die Migräne durch psychologische Strategien zur Modifikation der Lebensführung beeinflussbar. Unter den psychotherapeutischen Verfahren ist die Verhaltenstherapie (VT) am ehesten geeignet, diese Aufgaben wahrzunehmen und eine Kombinierbarkeit mit medizinischen Maßnahmen einzugehen, sodass der Schwerpunkt der Therapieevaluation auch in diesem Bereich liegt. Psychodynamische und andere Schulen sind bisher den Nachweis der verfahrensspezifischen Wirksamkeit in der Prophylaxe der Migräne schuldig geblieben. VT-Interventionen betonen Maßnahmen zur Prävention der Migräne im Sinne einer Reduzierung der Attackenfrequenz und der kopfschmerzbezogenen affektiven sowie behavioralen Beeinträchtigung. VT-Interventionen vermitteln dem Patienten Fähigkeiten und Fertigkeiten, den Verlauf der Migräne durch die Modifikation persönlicher Umweltfaktoren zu beeinflussen. Die wichtigsten VT-Interventionen (Seng u. Holroyd 2010) können in 4 Kategorien eingeteilt werden:

  • Entspannungstraining
  • Biofeedback-Training
  • kognitive Verhaltenstherapie bzw. Stressmanagement
  • Kombination von medizinischen und VT-Maßnahmen

Die Indikation für eine psychologische Behandlung orientiert sich an der Indikation für eine pharmakologische Prophylaxe (Silberstein et al. 2000b). Danach kommen 3,8 % der Deutschen mit einer häufigen Migräne für eine psychologische Behandlung infrage.

Formell können psychologische Verfahren in unimodale (Biofeedback, Entspannung) und multimodale (kognitiv-verhaltenstherapeutische) Verfahren unterteilt werden. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren (KVT) sind insbesondere indiziert bei Patienten mit chronischen Kopfschmerzen, da diese in der Regel unter einer hohen Komorbidität leiden. Des Weiteren profitieren von allen VT-Verfahren Migränepatienten, die eines oder mehrere der folgenden Merkmale aufweisen:

  • Nicht pharmakologische Verfahren werden bevorzugt.
  • Pharmakologische Verfahren werden schlecht toleriert.
  • medizinische Kontraindikationen für pharmakologische Verfahren
  • ungenügendes oder kein Ansprechen auf pharmakologische Verfahren
  • Schwangerschaft oder Stillzeit
  • hochfrequenter Gebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln
  • beträchtliche Stressexposition und geringe Fähigkeiten zur Stressbewältigung

KVT-Verfahren liegen für Migränepatienten in gut ausgearbeiteten standardisierten Programmen vor und lassen sich zeit- und kostenökonomisch durchführen. Sie sind in der Gruppendurchführung genauso wirksam wie in der Einzeldurchführung (Frettlöh et al. 1998). Sie enthalten meist auch ein Modul mit einer Entspannungstechnik (Biofeedback wird meist nicht in Kombination angeboten). Die häufigsten KVT-Behandlungsformate sind:

  • stationäre Behandlung in Spezialkliniken (meist 6–12 wöchentliche Sitzungen; 60–120 Minuten) (Scharff u. Marcus 1994)
  • minimaler Kontakt (sog. „minimal contact“; meist 4–6 wöchentliche Sitzungen; 60–120 Minuten; Life-Style-Modifikation) (Haddock et al. 1997)
  • tagesklinische Behandlung (wie „minimal contact“, nur kompakt meist in einer Woche; siehe auch Migränebehandlung in der integrierten Versorgung) (Gaul et al. 2011a, Gaul et al. 2011b)
  • häusliche Eigenbehandlung (meist ca. 8 Wochen Dauer; regelmäßige telefonische Supervision; Audio- und andere Arbeitsmaterialien bzw. Computer-gesteuerte Eigenbehandlung) (McGrath et al. 1992, Connelly et al. 2006)
  • internetbasierte Behandlung (meist ca. 6 Wochen Entspannung und Problemlösung; E-Mail-gestützt) (Cuijpers et al. 2008, Trautmann u. Kröner-Herwig 2010, Hedborg u. Muhr 2011).

Biofeedback

Biofeedback ist eine weit verbreitete therapeutische Intervention zur Konditionierung physiologischer, insbesondere autonomer Funktionen. Als Wirkmechanismen des Biofeedbacks werden die Kontrolle physiologischer Funktionen (spezifisch) und die Überzeugung einer Symptomkontrolle (unspezifisch) diskutiert. In einer aktuellen Metaanalyse wurden 150 klinische Studien miteinander verglichen. Die gewichteten mittleren Effektgrößen liegen bei der Prophylaxe eines Migräneanfalls zwischen 0,4 und 0,6 (für die Anwendung von EEG-Biofeedback, Hauttemperatur-Biofeedback, EMG-Biofeedback oder die Kombination aus Temperatur- und EMG-Biofeedback) und bei der Akutbehandlung durch Blutvolumenpuls-Biofeedback („Vasokonstriktionstraining“) bei 0,7 (Nestoriuc u. Martin 2007, Nestoriuc et al. 2008). Eine Steigerung der Effektgrößen kann durch Kombination der Biofeedback-Techniken mit Entspannungsverfahren oder kognitiver Verhaltenstherapie erfolgen. Somit kommen Metaanalysen übereinstimmend zu der Einschätzung, dass sowohl Entspannungsverfahren (meist die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson) als auch verschiedene Biofeedback-Verfahren im Mittel eine Reduktion der Migränehäufigkeit um 35–45 % erreichen (Andrasik 2010, Nestoriuc u. Martin 2007). Die Effektstärke dieser Verfahren liegt damit in dem Bereich, der für Propranolol angegeben wird.

Entspannung

Durch Entspannungsverfahren soll das allgemeine Aktivierungsniveau reduziert werden. Hintergrund ist, dass neben einer allgemeinen entspannenden Wirkung auch eine zentrale Dämpfung der Informationsverarbeitung erreicht werden soll (Andrasik 2004). Entspannung bewirkt jedoch nicht nur eine Verminderung von Hypervigilanz und Aufmerksamkeit. Durch Entspannung werden auch Angstzustände reduziert, was wiederum die Schmerztoleranz erhöht und zumindest den subjektiven Schmerzbericht reduziert. Den Entspannungsverfahren wird häufig eine präventive Funktion zur Verhinderung von Schmerzen zugesprochen; Patienten berichten jedoch auch über abortive Eigenschaften der Entspannung im akuten Schmerzzustand. Das Verfahren der progressiven Muskelentspannung besteht in einer schrittweisen An- und Entspannung verschiedener Muskelgruppen. Es ist darauf zu achten, dass regelmäßig und nicht etwa nur schmerzkontingent geübt wird und dass ein Transfer in den Alltag erfolgt.

Unter den Entspannungsverfahren ist die progressive Muskelrelaxation (PMR) für Ungeübte dem autogenen Training überlegen, weil sich Erfolge schneller einstellen und somit die Motivation hoch bleibt. Es gibt bislang wenige Studien, die explizit den Einsatz von PMR bei Migräne untersuchen. Trautmann und Kröner-Herwig setzten unter anderem PMR zur Behandlung von Kopfschmerzen bei Kindern ein (Trautmann u. Kröner-Herwig 2010). Sie fanden signifikante Effekte, die sich bei der Follow-up-Erhebung noch weiter steigerten. Allerdings wurde hier nicht zwischen verschiedenen Kopfschmerzarten differenziert, was die Aussagekraft einschränkt. Metaanalysen kommen übereinstimmend zu der Einschätzung, dass Entspannungsverfahren (meist die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson) im Mittel eine Reduktion der Migränehäufigkeit um 35–45 % erreichen (Penzien et al. 2005). Die Effektstärke dieser Verfahren liegt damit in dem Bereich, der für Propranolol angegeben wird. Die Therapieverfahren werden in der Migränebehandlung sowohl schmerzspezifisch (z.B. bei der PMR) als auch schmerzunspezifisch angewandt.

Kognitive Verhaltenstherapie

Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) besteht aus kognitiven und verhaltenstherapeutischen Strategien. Kognitive Strategien sollen die Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugung verbessern (French et al. 2000). Die KVT umfasst im Wesentlichen folgende Bausteine: Syndromedukation, Verbesserung der Selbstwahrnehmung, Modifikation schmerzbezogener Kognitionen, Modifikation sozialer Beeinträchtigung, Modifikation migränespezifischer dysfunktionaler Lebensstile (ausführliche Beschreibung der Behandlungsmodule bei Fritsche 2010). Verbesserungen bleiben bis zu 5 Jahre erhalten. Angaben zur differenziellen Wirksamkeit einzelner verhaltenstherapeutischer Verfahren – insbesondere der KVT – sind ▶ Tab. 55.7 zu entnehmen.

Die Wirksamkeit psychologischer Therapie bei Migräne wird in mehreren Übersichtsarbeiten belegt (Andrasik 2004). Studien nach 2000 sind meist Beobachtungsstudien zur psychologischen Behandlung des Kopfschmerzes bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln bei Migräne (Andrasik et al. 2009), Überprüfung additiver Effekte bei der Kombination Verhaltenstherapie und Pharmakologie (Holroyd et al. 2010), Behandlung von Komorbiditäten (Smitherman et al. 2008), Erfolgsprädiktorensuche (Holroyd u. Drew 2006), Überprüfung kosteneffektiver Applikationen unter Einsatz neuer Medien (Sorbi et al. 2007), Selbsthilfe durch Migränepatienten (Merelle et al. 2008), Verhaltenstherapie bei Kindern mit Migräne (Lewis 2009) und vor allem zur multidisziplinären Behandlung (Gaul et al. 2011a).

Kombinierte pharmakologische und ­psychologische Therapie

Grazzi et al. kombinierten verhaltenstherapeutische Strategien in 8 Sitzungen (davon 4 Sitzungen PMR nach Jacobson, ab der 5. Sitzung zusätzlich EMG-Biofeedback) mit medikamentöser Prophylaxe bei Patienten mit transformierter Migräne bei Medikamentenübergebrauch während stationärer Entgiftung (Grazzi et al. 2002). Die medikamentöse Prophylaxe beinhaltete unter anderem die intravenöse Gabe von Bioarginin, die intramuskuläre Indometacin- oder Diazepamgabe sowie die parenterale Gabe von Neuroleptika und Kortikosteroiden. Die Studienergebnisse sprechen dafür, dass eine Kombinationstherapie bezüglich der Langzeiteffekte in Teilbereichen (Kopfschmerztage, Verbrauch von Analgetika) erfolgreicher ist als eine pharmakologische Therapie allein. Die neueste und einzige placebokontrollierte Kombinationsstudie zur Migräneprophylaxe verglich an insgesamt 232 Migränepatienten mit mindestens 3 Migränetagen pro Monat die Wirkung des Betablockers Propranolol mit einem verhaltenstherapeutischen Programm (PMR, Triggeridentifizierung und -management, Stressmanagement, teilweise auch Temperaturfeedback) sowie mit einer Kombination beider Therapien (Holroyd et al. 2010). Gleichzeitig wurde die medikamentöse Akuttherapie bei allen teilnehmenden Patienten optimiert. Nur die Kombinationstherapie führte zu einer Verbesserung im Vergleich zu einer reinen Optimierung der Akuttherapie.

Empfehlungen

Behandlungsempfehlungen für die psychologische Therapie der Migräne:

  1. Relaxation, thermales, vaskuläres und muskuläres Biofeedback sowie kognitive Verhaltenstherapie eignen sich zur präventiven Behandlung der Migräne in vergleichbarem Maße.
  2. Die kognitive Verhaltenstherapie kann mit vorbeugender pharmakologischer Therapie kombiniert werden, um einen zusätzlichen Behandlungserfolg zu erzielen.
  3. Statt in einem professionellen Setting (z. B. Klinik) kann die kognitive Verhaltenstherapie mit ähnlich gutem Erfolg durch das Internet oder durch geschulte Betroffene vermittelt werden.

Verfahren ohne Wirksamkeitsnachweis

Auch und gerade zur nicht medikamentösen prophylaktischen Therapie der Migräne werden zahlreiche Verfahren angeboten und beworben, für die keine kontrollierten Studien vorliegen. Über 80 % aller Migränepatienten haben Erfahrungen mit komplementären oder alternativen Therapieverfahren. Hauptsächlich motiviert die Patienten der Wunsch, nichts unversucht zu lassen und selbst gegen ihre Erkrankung aktiv zu werden, sowie der Wunsch nach nebenwirkungsfreier/armer Therapie solche Verfahren einzusetzen (Gaul et al. 2009). Für viele Verfahren kann keine Aussage zur Wirksamkeit gemacht werden, da Studien, die eine solche Beurteilung zulassen, nicht vorliegen. Andere Verfahren sind nach derzeitiger Datenlage unwirksam. Zu einigen Methoden liegen offene Studien vor, der Wirksamkeitsnachweis in kontrollierten Studien steht (noch) aus. Eine Arbeit untersuchte in einer Cross-over-Studie den Einfluss diätetischer Maßnahmen auf die Migräne nach vorheriger Bestimmung individueller Nahrungsmittelallergene und konnte signifikante Effekte einer Eliminationsdiät zeigen (Alpay et al. 2010). Zunehmend beschäftigen sich wissenschaftliche Studienansätze mit der Physiotherapie. Die derzeitige Datenlage belegt die Wirksamkeit von manualtherapeutischen Verfahren in der Migränetherapie jedoch noch nicht (Posadzki u. Ernst 2011). Der Zusammenhang zwischen einer Myoarthopathie der Kaumuskulatur (Synonym kraniomandibuläre Dysfunktion) und der Migräne bzw. der Kopfschmerzfrequenz von Migränepatienten wurde mehrfach gezeigt. Der Nachweis, dass eine Behandlung mit Aufbissschiene in der Therapie der Migräne tatsächlich wirksam ist, steht jedoch aus (Goncalves et al. 2010).

Weitere Verfahren mit fehlendem Wirksamkeitsnachweis sind (unvollständige Auflistung):

  • alimentäre Diäten
  • Augen-Laser-Akupunktur
  • chiropraktische Therapie
  • Kolonhydrotherapie
  • Darmspülungen
  • Entfernung von Amalgamfüllungen
  • Frischzell-Therapie
  • Fußreflexmassage
  • Gebisskorrektur
  • Hypnose
  • hyperbare Sauerstofftherapie
  • Hysterektomie
  • lokale Injektionen in den Nacken oder die Kopfhaut
  • Magnetfeldbehandlung
  • Neuraltherapie
  • Ozontherapie
  • Psychoanalyse
  • Psychophonie
  • Sanierung vermeintlicher Pilzinfektionen des Darmes,
  • Tonsillektomie

Besonderheiten für Österreich

  • Triptane, auch Naratriptan, sind in Österreich rezeptpflichtig und nicht OTC.
  • In Österreich wurden nahezu sämtliche Arzneimittel mit Ergotamintartrat aus dem Handel genommen (Ausnahme Synkapton). Bei Dihydroergotamin gibt es 2,5- und 5-mg-Tabletten sowie ein DHE-Intranasalspray.
  • Valproinsäure ist in Österreich unter dem Handelsnahmen Convulex in oraler Form für die Migräneprophylaxe zugelassen.
  • Naproxen ist rezeptpflichtig.
  • Pestwurz und Mutterkraut sind nicht zugelassen bzw. nur über die internationale Apotheke beschaffbar.
  • Auch Pizotifen und Methysergid sind nicht im Handel.
  • Die Magnesium-Vitamin-B2-Kombination ist als Migränepräparat nicht erhältlich.
  • Topiramat ist für die Behandlung der chronischen Migräne noch nicht zugelassen.

Besonderheiten für die Schweiz

Während in der Vergangenheit die Krankenkassen in der Schweiz den Off-Label-Gebrauch verschiedenster prophylaktisch wirksamer Substanzen praktisch ausnahmslos unterstützten, werden zunehmend nur Substanzen rückerstattet, für die eine Indikation besteht.

Die Therapiekommission der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft (SKG) veröffentlicht periodisch überarbeitete Therapieempfehlungen auf ihrer Homepage www.headache.ch. Diese sind bis auf wenige Ausnahmen mit den Empfehlungen der DMKG/DGN vereinbar.

Redaktionskomitee

Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Neurologische Klinik und Westdeutsches Kopfschmerzzentrum (WKZ), Universitätsklinikum Essen
Prof. Dr. Stefan Evers, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Münster und Krankenhaus Lindenbrunn, Coppenbrügge
PD Dr. Stefanie Förderreuther, Neurologische Klinik, Ludwig-Maximilians-Universität München
Dr. Tobias Freilinger, Neurologische Klinik, Ludwig-Maximilians-Universität München
Dr. Günther Fritsche, Psychologische Schmerztherapie und WKZ, Neurologische Universitätsklinik Essen
Dr. Charly Gaul, Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein
Prof. Dr. Hartmut Göbel, Schmerzklinik Kiel
Prof. Dr. Gunther Haag, Michael-Balint-Klinik, Königsfeld
Dr. Axel Heinze, Schmerzklinik Kiel
Dr. Dagny Holle, Neurologische Klinik und Westdeutsches Kopfschmerzzentrum (WKZ), Universitätsklinikum Essen
Dr. Tim Jürgens, Klinik für Neurologie und Institut für Systemische Neurowissenschaften, Universitätsklinikum Eppendorf, Hamburg
Prof. Dr. Zaza Katsarava, Neurologische Klinik, Evangelisches Krankenhaus Unna
Prof. Dr. Peter Kropp, Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universität Rostock
Prof. Dr. Volker Limmroth, Neurologische Klinik, Krankenhaus Köln-Merheim
Dr. Volker Malzacher, Reutlingen (für den BDN)
Dr. Martin Marziniak, Abteilung für entzündliche Erkrankungen des Nervensystems und Neuro-Onkologie, Universitätsklinikum Münster
Prof. Dr. Arne May, Klinik für Neurologie und Institut für Systemische Neurowissenschaften, Universitätsklinikum Eppendorf, Hamburg
Dr. Uwe Meier, Neurologe, Grevenbroich (für den BDN)
PD Dr. Mark Obermann, Neurologische Klinik und Westdeutsches Kopfschmerzzentrum (WKZ), Universitätsklinikum Essen
PD Dr. Ruth Ruscheweyh, Neurologische Klinik, Ludwig-Maximilians-Universität München
Prof. Dr. Andreas Straube, Neurologische Klinik, Ludwig-Maximilians-Universität München

Für die Schweiz:

PD Dr. Peter Sandor, RehaClinic, Kantonsspital Baden AG, Baden
Dr. Andreas Gantenbein, Klinik für Neurologie, UniversitätsSpital Zürich

Für Österreich:

PD Dr. Christian Lampl, Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Linz
Dr. Gregor Brössner, Universitätsklinik für Neurologie, Innsbruck

Federführend: Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Neurologische Klinik und Westdeutsches Kopfschmerzzentrum (WKZ), Universitätsklinikum Essen, Hufelandstraße 55, 45122 Essen, E-Mail: hans.diener@uni-duisburg-essen.de

Redaktion: C. Gaul und D. Holle

Entwicklungsstufe der Leitlinie: S1

Es handelt sich um eine gemeinsame Leitlinie der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), des Berufsverbandes der Neurologen (BDN), der Deutschen Gesellschaft für Psychologische Schmerztherapie und -Forschung (DGPSF), der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft (ÖKSG) und der Schweizer Kopfwehgesellschaft (SKG).

Finanzierung der Leitlinie: Diese Leitlinie entstand ohne Finanzierung durch Dritte

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Aus: Hans-Christoph Diener, Christian Weimar (Hrsg.): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Herausgegeben von der Kommission „Leitlinien“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Thieme Verlag, Stuttgart, September 2012

 

Kabelbrand – wenn Nerven Feuer fangen! – Die Polyneuropathie, eine weit verbreitete Erkrankung

Polyneuropathien sind schwerwiegende ernstzunehmende Erkrankungen, welche in den letzten Jahrzehnten ständig und rasant zugenommen haben.

Die betroffenen Patienten erfahren im Verlauf ein zunehmendes Leid durch diese Erkrankung. Neben oft schmerzhaften und unangenehmen Missempfindungen, vornehmlich in den Füssen, werden auch Einschränkungen der Beweglichkeit und Kraft in diesem Bereich, sowie eine Gangunsicherheit, besonders auf unebenen Untergrund bemerkt.

Die bemerkten Missempfindungen der Füße sind im allgemeinen während des Laufens und in Bewegung deutlich geringer ausgeprägt.

Die Polyneuropathien unterteilen sich in Bezug auf ihre Ursachen in drei große Gruppen:

Stoffwechselbedingte oder durch äußere Einflussfaktoren hervorgerufene Polyneuropathien und Polyneuropathien wo eine konkrete Ursache bisher nicht nachzuweisen ist.

Eine seltene zusätzliche Gruppe erfolgt durch Vererbung dieser Erkrankung.

Die Diagnose der Polyneuropathie erfolgt in erster Linie durch die Befragung des Kranken und die klinische Untersuchung.

Zur Diagnosesicherung dienen elektrophysiologische Messungen, die Nervensonographie und oft umfangreiche Laboruntersuchungen sowie in besonderen Fällen auch die Nervenbiopsie.

 

Im Folgenden einige Anmerkungen zum Krankheitsbild:

Polyneuropathien sind generalisierte Erkrankungen des peripheren Nervensystems. Dazu gehören alle außerhalb des zentralen Nervensystems (Gehirn, Rückenmark) liegenden Anteile der motorischen, sensiblen und autonomen Nerven, einschließlich der Hirnnerven.

Polyneuropathien können sich akut (wenige Wochen), subakut (über Monate) oder auch sehr langsam schleichend (über Jahre) entwickeln und haben verschiedene Verteilungsmuster.

Es gibt längenabhänge Polyneuropathien bei denen die Beschwerden an den Füssen oder Händen beginnen, Schwerpunktneuropathien und Multiplex-Neuropathien.
Ferner unterscheidet man zwischen sensiblen, vegetativen und motorischen Neuropathien, die isoliert oder gemischt auftreten können.

Für die Einteilung ist auch der Ort der Schädigung von Bedeutung.

→ neuronal, im Kerngebiet der Nerven
→ axonal, am Nervenkabel
→ demyelinsierend, an den Hüllstrukturen der Nerven wie die Schwann’schen Zellen
….und Markscheide)

Insbesondere bei voranschreitenden Polyneuropathien muss sehr sorgfältig nach den Ursachen gesucht werden.
Dabei bedarf es teilweise einer umfangreichen oder invasiven Diagnostik wobei insbesondere die Labordiagnostik von großer Bedeutung ist.

Beim Grundlabor werden untersucht:

→ Blutzucker, HbA1c
→ Leberwerte, insbesondere Gamma GT
→ Borreliose-Serologie
→ Immunelektrophorese, Immunfixation
→ Rotes Blutbild, (Hb, MCV, MCH)
→ BSG, CRP
→ ACE
→ Cholestrin,Triglyzeride
→ Vitamin B12 (Homocystein i.S., Methylmalonsäurei.U.)
→ Folsäure
→ Liquordiagnostik

Spezielle Untersuchungen bei Neuropathien unbekannter Ursache sind:

→ Schilddrüsenwerte
→ Vaskulitis-Kollagenose-Parameter (ANA, ENA, ANCA)
→ Hepatitis-C-AK
→ Kryoglobuline
→ Nervenantikörper (anti-GM1, anti-GQ 1b, anti-MAG)
→ Paraneoplasie-assoziierte Nervenantikörper (anti-Hu, anti-Yo)
→ Vitamin B1, B6, E Spiegel
→ Nervenbiobsie
→ Epidermale Hautbiopsie

Im folgenden Artikel von Julia Sasse werden weitere ausführliche Informationen zitiert:

 

„Zitat“

Polyneuropathie

Von Julia Sasse 

Bei einer Polyneuropathie handelt es sich um eine Schädigung von peripheren Nerven. Es können verschiedene Nerven betroffen sein und etwa die Muskelversorgung oder die Sensibilität der Haut in Mitleidenschaft ziehen. Zu den häufigsten Ursachen der Nervenschädigung gehören Diabetes mellitus und anhaltender Alkoholmissbrauch. Lesen Sie hier alles Wichtige über die Polyneuropathie.

 

Polyneuropathie: Beschreibung

Der Oberbegriff Polyneuropathie steht für Erkrankungen mehrerer (poly = viele) peripherer Nerven. Das Rückenmark und das Gehirn als zentrales Nervensystem sind bei einer Polyneuropathie also nicht betroffen. Zu den peripheren Nerven zählen zum Beispiel solche, die den Muskeln ihre Befehle geben, sich zu kontrahieren. Weitere periphere Nerven findet man in der Haut, wo sie für das sensible Empfinden von Berührungen, Temperatur und Vibration verantwortlich sind. Auch autonome Nerven zählen zum peripheren Nervensystem. Sie kontrollieren beispielsweise lebenswichtige Funktionen wie Atmung und Verdauung

Die Polyneuropathie lässt sich nach unterschiedlichen Kriterien einteilen:

Polyneuropathie – Einteilung nach dem Verteilungsmuster der Symptome:

Die Nervenschädigung betrifft in der Regel die vom Rumpf entfernt gelegenen Körperteile (distale Polyneuropathie). Füße und Hände zählen dazu (meist sind die Füße als erstes betroffen). Sehr viel seltener erstreckt sich die Erkrankung auf rumpfnahe Körperteile (proximale Polyneuropathie).

Eine periphere Polyneuropathie an Armen und Beinen wird zudem in eine symmetrische und eine asymmetrische Form unterteilt. Bei der symmetrischen Form treten die Symptome auf beiden Körperseiten (etwa an beiden Füßen) auf, bei der asymmetrischen nur auf einer Seite.

Polyneuropathie – Einteilung nach der betroffenen Nervenfaserqualität:

Zusätzlich wird differenziert, welche Nervenfaserqualität von der Schädigung betroffen ist, also ob motorische, sensible oder autonome Nerven geschädigt sind.

Polyneuropathie – Einteilung nach dem Befall von Markscheide oder Axon:

Ein peripherer Nerv besteht aus mehreren Nervenzellen. Eine Nervenzelle setzt sich zusammen aus einem Zellkörper und einem Nervenfortsatz (Axon). Das Axon kann bis zu einem Meter lang sein. Man kann sich die Nervenfortsätze wie ein Kabel vorstellen. Der Körper schützt seine „Kabel“ mit einer Isolierschicht (Myelinschicht oder Markscheide). Neben seiner Schutzfunktion hat das Myelin noch eine weitere Aufgabe: Es ermöglicht eine schnellere elektrische Erregungsleitung der Signale zwischen den Nervenzellen.

Die sogenannte demyelinisierende Polyneuropathie ist durch den Zerfall der schützenden Myelinschicht gekennzeichnet. Ist dagegen nicht die schützende Markscheide, sondern das Axon selbst betroffen, handelt es sich um eine axonale Polyneuropathie. Besonders bei einer Schädigung des versorgenden Blutgefäßes kommt es zu einer Polyneuropathie, bei der die Myelinscheide und das Axon gleichermaßen betroffen sind.

Polyneuropathie – Einteilung nach der Grunderkrankung:

Eine Nervenschädigung kann genetisch bedingt sein. Des Weiteren unterscheidet man Polyneuropathien nach der zugrundeliegenden Erkrankung:

Diabetische Polyneuropathie: Die diabetische Polyneuropathie ist die häufigste Form von Polyneuropathie. Etwa die Hälfte aller Diabetiker leiden irgendwann unter dieser Nervenschädigung, wobei sowohl Typ-1- als auch Typ-2-Diabetiker betroffen sein können. Ursache der Nervenschädigung ist ein schlecht eingestellter Diabetes beziehungsweise ein dauerhaft zu hoher Blutzuckerwert. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze, wie die Nerven im Detail geschädigt werden.

Es wird vermutet, dass bei einem zu hohen Blutzucker die Zuckermoleküle mit verschiedenen Proteinen reaktive Verbindungen eingehen. Diese Zucker-Eiweiß-Komplexe greifen die Nervenzellen an und schädigen diese mit der Zeit unwiderruflich.

Zudem weisen schlecht eingestellte Diabetiker vermehrt Entzündungsbotenstoffe im Blut auf. Diese beeinträchtigen den Zellstoffwechsel und somit die Funktion der Nervenzellen.

Ein hoher Blutzucker schädigt auf Dauer besonders ganz kleine Blutgefäße. Wenn die Blutgefäße, die den Nerv versorgen, zerstört werden, entsteht ebenfalls eine diabetische Polyneuropathie. Meist verläuft diese Nervenschädigung schleichend, und die ersten Symptome zeigen sich nicht sofort.

Formen der Diabetischen Nervenschädigung sind die autonome und die sensomotorische Polyneuropathie.

Toxische Polyneuropathie: Eine toxische Nervenschädigung ist die zweithäufigste Form von Polyneuropathie. Alkohol-Konsum im Übermaß und über einen längeren Zeitraum ist hier oftmals die Ursache (alkoholische Polyneuropathie). Daneben gibt es noch weitere Auslöser für eine Toxische Polyneuropathie wie Schwermetalle (Blei, Arsen), Medikamente (Vitamin B12 hochdosiert, Vinca-Alkaloide) und Drogenkonsum. Die toxische Nervenschädigung betrifft in der Regel zuerst die Finger und Zehen.

 

Polyneuropathie: Symptome

Alles Wichtige über die Anzeichen einer Nervenschädigung lesen Sie im Beitrag Polyneuropathie-Symptome.

Polyneuropathie: Ursachen und Risikofaktoren

Da die Polyneuropathie in der Regel die Folge einer anderen Grunderkrankung ist, sollte stets an folgende Auslöser gedacht werden:

  • Stoffwechselerkrankungen (Diabetes mellitus)
  • Gifte (Alkohol, Medikamente, Schwermetalle)
  • Autoimmunreaktionen (hierbei greift das eigene Immunsystem die Nervenzellen an)
  • Tumorerkrankungen (können durch verdrängendes Wachstum die Versorgung des Nervs abdrücken)
  • Erhöhter Blutdruck
  • Vitaminmangel (Vitamin B12, Vitamin B1 und Vitamin B6)

 

Polyneuropathie: Untersuchungen und Diagnose

Bei Verdacht auf eine Polyneuropathie erhebt der Arzt zunächst die Krankengeschichte (Anamnese). Anschließend kann er verschiedene Tests durchführen:

Bei einer Elektroneurografie (ENG) wird die Nervenleitgeschwindigkeit gemessen. Der Untersucher setzt dafür einen kleinen elektronischen Impuls an mindestens zwei verschiedenen Stellen eines Nervs und misst die Zeit bis zur Reaktion (Kontraktion) des dazugehörigen Muskels. Bei der Polyneuropathie ist diese Nervenleitgeschwindigkeit meist herabgesetzt.

Die Elektromyografie (EMG) ist eine Untersuchung zur Bestimmung der elektrischen Muskelaktivität. Dazu kann eine spezielle feine Nadel-Elektrode durch den Muskel gestochen werden. Sie kann die Aktivität des Muskels in Ruhe sowie in Aktivität messen. Bei einer veränderten langsamen Reizantwort erhärtet sich der Verdacht auf eine Polyneuropathie mit motorischer Nervenbeteiligung.

Ein weiteres diagnostisches Mittel stellt die quantitative sensorische Untersuchung dar. Hiermit lässt sich das Druck- und Temperaturempfinden messen: Mithilfe einer Thermo-Elektrode wird die Warm-Kalt-Schwelle des Patienten ermittelt. Einen Empfindlichkeitsverlust durch die Polyneuropathie lässt sich mit dieser Untersuchung somit gut nachweisen. Allerdings ist diese Untersuchungsmethode sehr zeitaufwändig und erfordert eine hohe Konzentration der Beteiligten. Daher handelt es sich hierbei noch nicht um eine Routineuntersuchung.

Eine Elektrokardiografie (EKG) kann Auskunft darüber geben, ob die autonomen Nervenfasern des Herzens von der Nervenschädigung betroffen sind.

Bei einer Nervenbiopsie wird über einen kleinen Hautschnitt eine Nervengewebeprobe entnommen. Die Gewebeprobe wird anschließend unter dem Mikroskop diagnostisch begutachtet. Dieses Verfahren wird aber nur sehr selten zur Abklärung einer Polyneuropathie angewendet.

 

Polyneuropathie: Behandlung

An erster Stelle im Versuch der Polyneuropathie-Heilung steht immer die Therapie der Grunderkrankung.

Die Schmerztherapie ist ebenfalls ein essentieller Bestandteil der Polyneuropathie-Therapie. Denn viele Betroffene leiden sehr unter den brennenden Schmerzen, die mit der Nervenschädigung einhergehen.

Medikamentöse Polyneuropathie-Therapie

Das Medikament der ersten Wahl ist ein einfaches Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure. Es gibt noch andere Schmerzmittel, die bei der Polyneuropathie helfen können. Die Wirksamkeit muss jedoch unter ärztlicher Aufsicht erprobt werden. Opioide sind sehr starke Schmerzmedikamente, die aber schnell abhängig machen können. Die Einnahme muss daher vom Arzt genau überwacht werden.

Einige Patienten berichten von einer Besserung der Symptome durch bestimmte Antidepressiva wie beispielsweise Amytryptilin.

Antiepileptische Medikamente (Gabapentin oder Carbamazepin) dämpfen die Erregbarkeit von Muskelzellen. Deshalb werden sie auch vorrangig zur Vorbeugung von Krampfanfällen eingesetzt. Bei einer Polyneuropathie können diese Medikamente zusätzlich die Schmerzen lindern.

Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS)

Eine Stimulation der Nerven in der betroffenen Hautregion kann die Schmerzen einer Polyneuropathie bessern. Dazu wird eine kleine Elektrode auf der schmerzhaften Hautregion positioniert, über die kleine elektrische Impulse abgegeben werden. Die Hautnerven werden also elektrisch gereizt.

Diese Wirksamkeit der TENS ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig belegt. Es gibt jedoch zahlreiche Patienten, die durch diese Behandlung eine Besserung ihrer Polyneuropathie-Symptome erfahren. Ein möglicher Erklärungsansatz dafür ist, dass die abgegebenen elektrischen Impulse schneller sind als die Schmerzreize, also vor diesen das Rückenmark erreichen, wo sie die Schmerzweiterleitung blockieren.

Einer anderen Theorie zufolge setzen die elektrischen Impulse körpereigene Botenstoffe (Endorphine) frei. Endorphine gelten nicht nur als „Glückshormone“, sondern ihnen wird auch eine schützende (protektive) Funktion zugeschrieben.

Physikalische Therapie

Die Physikalische Therapie nutzt Verfahren wie Wärme, Gleichstrom oder Infrarot-Licht, um sensible und motorische Störungen aufgrund einer Polyneuropathie zu beheben. So fördern Krankengymnastik, Wechselbäder oder Elektrobehandlungen die Durchblutung und stärken geschwächte Muskeln.

Polyneuropathie: Krankheitsverlauf und Prognose

So gut verschiedene Therapien auch die Beschwerden lindern können, möchten viele Patienten dennoch wissen: Ist Polyneuropathie heilbar? Grundsätzlich gilt: Je früher die Nervenschädigung erkannt wird, desto besser ist die Prognose. Der Polyneuropathie-Verlauf kann aber nur dann positiv beeinflusst werden, wenn die Grunderkrankung diagnostiziert ist und behandelt wird. Entscheidend ist außerdem, wie weit die Polyneuropathie zum Zeitpunkt der Diagnose bereits fortgeschritten ist und ob schon irreversible Schäden entstanden sind. Da die Polyneuropathie oftmals lange Zeit symptomlos verläuft, sollten erste Anzeichen stets ernst genommen werden.

Leider ist in vielen Fällen ist eine komplette Heilung nicht mehr möglich. Dann geht es darum, den Patienten bestmöglich dabei zu unterstützen, mit der Polyneuropathie zu leben. Dabei helfen die richtige Schmerztherapie und unterstützende Verfahren wie Krankengymnastik oder Wechselbäder.

Polyneuropathie – Symptome

 

Polyneuropathie-Symptomevariieren je nachdem, welche Nervenfaserqualität geschädigt ist. So kann etwa eine Muskelerschlaffung der Beine auftreten, wenn motorische Nervenfasern geschädigt sind. Auch Sensibilitätsstörungen der Haut treten häufig auf. Das Schmerzempfinden und das Temperaturempfinden können herabgesetzt sein. Sind autonome Nervenfasern betroffen, kann es zu einer Beeinträchtigung lebenswichtiger Organfunktionen kommen, etwa von Lunge oder Herz. Erfahren Sie alles Wichtige über Polyneuropathie-Symptome.

Polyneuropathie-Symptome: Allgemein

Die Polyneuropathie-Symptome sind davon abhängig, welche Nerven geschädigt sind. Die Erkrankung kann sich demnach in sensiblen, autonomen oder motorischen Störungen äußern. Je stärker fortgeschritten die Nervenschädigung ist, desto langsamer können die Nervensignale weitergeleitet werden. Bei einer schweren Polyneuropathie kann der Nerv eventuell gar keine Befehle mehr weiterleiten, und das zu versorgende Gewebe degeneriert daraufhin. Denn nur eine regelmäßige Aktivierung hält die Zellen aufrecht. Gewebe, das vom Körper nicht gebraucht oder genutzt wird, stellt sonst eine unnötige Energieverschwendung für den Körper dar. Muskeln degenerieren dabei besonders schnell (Muskelatrophie).

Die Polyneuropathie Symptome werden unter anderem nach ihrer Lokalisation klassifiziert. Wenn beide Füße oder beide Arme betroffen sind, spricht man von einer symmetrischen Polyneuropathie. Bei einseitigem Befall handelt es sich um eine asymmetrische Polyneuropathie.

Polyneuropathie-Symptome bei Schädigung sensibler Nerven

Nerven, die von der Haut zum Gehirn führen, sind von sensibler Qualität. Das Gehirn erhält über sie Informationen über Berührungen, Temperatur oder Vibrationen. Wenn die Sensibilität durch eine Polyneuropathie gestört wird, leidet oftmals die Wahrnehmung in Armen und Beinen. Die Zehen sind häufig als erstes betroffen. Es kommt zu Missempfindungen, Kribbeln oder auch stechenden, brennenden Schmerzen. Die Polyneuropathie kann außerdem zu einem Schwellungsgefühl führen.

Durch ein herabgesetztes Temperaturempfinden, kann es leichter zu Verletzungen kommen. Das Schmerzempfinden kann bei einer ausgeprägten Polyneuropathie ebenfalls eingeschränkt sein und das Verletzungsrisiko erhöhen.

Polyneuropathie-Symptome bei Schädigung motorischer Nerven

Motorische Nerven leiten Befehle vom Gehirn zu den Skelettmuskeln. Die Befehle veranlassen einen Muskel, sich zu kontrahieren. Bei einer motorischen Polyneuropathie kann es dementsprechend zum Ausfall bestimmter Muskelgruppen kommen. Die Muskeln können je nach Schweregrad der Polyneuropathie an Kraft verlieren, oder es kommt zu Muskelkrämpfen. Weitere Polyneuropathie-Symptome bei Schädigung motorischer Nerven sind Lähmungen und als Folge der Minderversorgung und der mangelnden Bewegung Muskelschwund.

Polyneuropathie-Symptome bei Schädigung autonomer Nerven

Die autonomen (vegetativen) Nerven versorgen die inneren Organe (wie Herz, Lunge, Magen-Darm-Trakt, Blase) mit Funktionsbefehlen. Siesind nicht dem Willen unterworfen. Man kann also nicht zum Beispiel gezielt entscheiden, ob der Herzmuskel sich jetzt kontrahieren soll oder nicht.

Zieht eine Polyneuropathie die autonomen Nerven in Mitleidenschaft, kann es zu lebensbedrohlichen Symptomen kommen. Wenn der Darm beispielsweise nicht mehr richtig arbeitet, kann es zu Durchfall oder Verstopfung kommen. Bei der Lunge kann die Nervenschädigung zu einem Atemstillstand führen, und auch am Herzen kann die Polyneuropathie schwerwiegende Schäden verursachen.

Die wichtigsten Polyneuropathie-Symptome im Überblick

Zusammengefasst sind die wichtigsten Polyneuropathie-Symptome:

  • Kribbeln, Taubheitsgefühl oder Schmerzen in Armen und Beinen
  • Schnelle Ermüdung der Beine
  • Koordinationsschwierigkeiten und Gehstörungen
  • Störungen der Feinmotorik
  • Muskellähmungen
  • Störungen der Blasen- oder Darmentleerung

 

Diabetische Polyneuropathie: Symptome

Bei der Diabetischen Polyneuropathie werden in der Regel die sensiblen Nervenfasern als erstes geschädigt. Dementsprechend treten oftmals ein Taubheitsgefühl oder Kribbeln in den Beinen auf. Die Patienten berichten zudem oft von einem brennenden Schmerz in den Füßen (Burning-Feet-Syndrom). Dabei klagen die Betroffenen besonders nachts in Ruhe über eine Verschlimmerung der Polyneuropathie-Symptome. Das Gewicht und die Berührung der Bettdecke sind für den Patienten manchmal kaum zum Aushalten.

Die Diabetische Polyneuropathie kann aber auch zu einer Verminderung der Schmerzempfindung führen. Kleine Verletzungen werden von den Patienten dann oft nicht bemerkt. Weil zusätzlich bei Diabetes oft die Blutzirkulation beeinträchtigt ist, können so schlecht heilende Wunden entstehen (diabetisches Fußsyndrom). Das betroffene Gewebe kann sogar absterben. Die meisten Diabetiker sind an beiden Füßen oder Beinen von der Polyneuropathie betroffen.

Als weitere Polyneuropathie-Symptome können sich im Verlauf der Krankheit auch autonome Störungen einstellen. Möglich sind zum Beispiel Schluckstörungen, Erbrechen und abwechselnd Durchfall und Verstopfung. Auch unkontrolliertes Wasserlassen sowie Potenzstörungen bei Männern können sich als Polyneuropathie-Symptome entpuppen.

Alkoholische Polyneuropathie: Symptome

Bei der häufigen alkoholischen Polyneuropathie werden Nerven durch den Alkohol geschädigt. Außerdem liegt bei vielen Alkoholikern eine Mangelernährung vor. Besonders schädlich unter anderem für die Nerven ist dabei eine unzureichende Aufnahme von Vitamin B12. Die alkoholische Nervenschädigung schreitet in der Regel langsam voran.

Polyneuropathie-Symptome bei Alkoholikern zeigen sich vor allem an den Beinen, und zwar an beiden (symmetrische Polyneuropathie). Hier kann es etwa zu Schmerzen, Missempfindungen, Sensibilitätsstörungen, Muskelschwund und schweren Muskelerschlaffungen (Paresen) kommen, wodurch die Patienten nicht mehr stehen können. In schweren Fällen zeigen sich Polyneuropathie-Symptome auch im Augenbereich wie etwa Pupillenstörungen und eventuell Augenmuskellähmungen. In einigen Fällen verläuft eine alkoholische Polyneuropathie aber auch ohne Symptome.

Rasch handeln

Polyneuropathie-Symptome sollten umgehend von einem Arzt abgeklärt werden. Bei frühzeitigem Erkennen der Symptome kann rasch eine geeignete Behandlung eingeleitet werden, die den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen kann. So lassen sich etwa mit einer Veränderung der Lebensgewohnheiten oder physikalischer Therapie die oft sehr belastenden Polyneuropathie-Symptome bessern.